Debatte: The Beach Boys – That’s Why God Made The Radio

Thats Why God Made The Radio

Die Beach Boys sind zurück. Ich erwähne gleich im voraus, dass ich ein großer Fan von Brian Wilson bin, seine Musik kultisch verehre und Pet Sounds, Smile und That Lucky Old Sun für drei der größten Popalben aller Zeiten halte. Alben, die nicht bloß Pop, sondern beinahe spirituelle Musik sind. Ich meine Stücke wie Caroline, No, Let’s Go Away For Awhile, I Just Wasn’t Made For These Times, Surf’s Up, Southern California uvm. Harmoniegesänge, die nicht nicht von dieser Welt sind. Im Zuge des neuen Albums wird m. E. nicht immer fair argumentiert. Die einen Hörer sprechen vom besten Beach Boys Album seit Pet Sounds (und ignorieren dabei Sunflower und Surf’s Up), die anderen ziehen Parallelen zum Musikantenstadel, sprechen Wilson jegliche kompositorischen Fähigkeiten ab, schieben den Verlust des Talents auf Drogen, psychische Probleme etc. (und ignorieren dabei That Lucky Old Sun und Reimagines Gershwin). Ich nehme keine dieser Extrempositionen ein. Werfen wir einen Blick auf die Credits. Mike Love ist Executive Producer, hat also das letzte Wort. Zu Mike Love nur so viel: diverse Soloalben aufgenommen, nur wenige veröffentlicht – und die waren, mit Ausnahme von Celebration (am einzigen Hit schrieb Brian Wilson mit), ohne Erfolg. Oder auch: Summer In Paradise. Kokomo. Aktuelles Verbrechen: Daybreak Over The Ocean. Schlimm. Aber eben auch: „I, I Love The Colorful Clothes She Wears / And The Way The Sunlight Plays Upon Her Hair”. Überdies fällt auf, dass Wilson lediglich 6 Stücke selbst komponiert hat, bei allen anderen Hilfe hatte. Zu diesen eigenen Stücken gehört u. a. Pacific Coast Highway, The Private Life Of Bill And Sue und das großartige, von Al Jardine gesungene From There To Back Again. Das ist die Magie, die noch auf TLOS allgegenwärtig war. Eine kleine Überraschung ist auch die Beteiligung von John Bon Jovi – ja genau dem Bon Jovi. Das von ihm mitgeschriebene Summer’s Gone, eine wunderschöne Ballade, setzt einen würdigen Abschluss unter das Werk der Beach Boys. Trotz Autotune (Mal ehrlich: Die Jungs sind um die 70, möchte wirklich jemand die Originalstimmen hören?). Das Problem des Albums ist jedoch nach wie vor Mike Love, der Mann, der bereits in den 70er Jahren dafür sorgte, dass die Beach Boys zur Oldieband degradiert wurden und in den letzten 40 Jahren eine der wichtigsten Popbands zu Grunde richtete. Sein Einfluss ist überall zu spüren und es ist höchst verwunderlich, dass er Brian Wilson nicht gezwungen hat, ein Hawaiihemd zu tragen. Man kann sich sicher sein, dass er z. B. an den Streicherarrangements schuld ist. Nicht, dass er sie selbst geschrieben hätte, dazu ist er schlicht nicht fähig, aber Brian Wilson hat so gut wie nie auf Streicher zurückgegriffen. Hier sind sie auf einem Drittel aller Songs zu hören. Dann die in den Vordergrund gemischte Schlagzeug/Bass Kombination, die doch nur die ewig gleichen Muster bedient. Man erinnere sich: Die experimentellen Bassparts Carol Kayes auf Pet Sounds inspirierten einst Paul McCartney dazu, etwas Neues zu wagen. In der Summe seiner Teile ist That’s Why God Made The Radio ein Album, dass es jedem Recht machen will, den Mike-Love-Fans mehr als den Brian-Wilson-Fans. Wer Musik hören möchte, wie sie auf Pet Sounds oder Smile zu hören war, dem sei zu That Lucky Old Sun geraten, der Wilson/Parks Kollaboration von 2008. Wer hingegen ein erinnerungsprototypisches Massengeschmacksalbum bevorzugt, kann beherzt zugreifen. Alles in allem ist That’s Why God Made The Radio ein durchschnittliches Album der Beach Boys, besser als das Frühwerk (Neben den Singles und einigen Nettigkeiten war damals nicht viel los) und das Love-Spätwerk, aber kaum vergleichbar mit der Hochphase der Band (ob nun Forever, Tears In The Morning, Feel Flows oder die immer wieder zitierten Wilson Klassiker). Überlassen wir zum Schluss den Beach Boys das Wort: „Old friends have gone […] Summer’s gone / Gone like yesterday / The nights grow cold / It’s time to go“. Ich kann damit gut leben. Et vous?

Erschienen bei Capitol.

Subjektiv: [xrr rating=3/5] Obbjektiv: [xrr rating=3/5]

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Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil.

Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.