Die Party ist vorbei – Nachruf auf Amy Winehouse

AMy Winehouse 1983 - 2011

(C) 2008 Universal Music

Mit dem Tod von Amy Winehouse endet eine Ära, die zwar nicht von ihr eingeläutet wurde, an deren Spitze sie sich aber setzte und ohne die eine ganze Szene undenkbar wäre. Es gab sie bereits vorher, die Retro-Soul-Sängerinnen. Sharon Jones & The Dap Kings (jene Band, die auf Back To Black – den Funk Brothers ähnlich – für den richtigen Sound sorgte), Gnarls Barkley, Nicole Willis & The Soul Investigators und nicht zuletzt Joss Stone, der es in den letzten 10 Jahren auf unnachahmliche Weise gelang, in der musikalischen Irrelevanz zu verschwinden. Amy Winehouse war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, hatte das Aussehen und die Präsenz einer Souldiva und verstand es, sich perfekt in Szene zu setzen. Und sie war weiß. Sharon Jones, jene kleine, dicke, schwarze, 55-jährige Sängerin war von jeher eher etwas für Hörer, die sich nicht von Äußerlichkeiten leiten ließen, denen Stimme und Sound mehr wert waren als glamouröse Promofotos einer 20-jährigen. Es ist bezeichnend: Bereits in den 60er Jahren waren es vor allem weiße Sängerinnen wie Dusty Springfield, die den Soul für die weiße Mittelschicht attraktiv machten.

Aber nicht nur ihr Aussehen und ihre Hautfarbe brachten Amy Winehouse den großen Erfolg. Bereits vor ihren großen Hits wie Rehab und Tears Dry On Their Own war sie eine geschätzte Künstlerin, ein in der Jazzszene hofiertes Talent, das es verstand, mit eigenständigem Sound von sich reden zu machen. Ihr Debütalbum Frank: Phänomenal, elektrisierend, vom Blues getrieben. Es war der Stoff, von dem Musikjournalisten des Nachts träumen. Es war die Blaupause zu ihrem Megaseller Back To Black, in dem alle Zutaten bereits beieinander waren. Ein kleiner Musikhistorischer Schatz. Back To Black jedoch brachte den Erfolg außerhalb der Szene. Ihr Styling war schnell Mode, Teens und Tweens trugen Beehive und ihr unnachahmliches 60s Make-Up. Amy Winehouse wurde zur Popikone, zu einem mythischen Wesen, zu denen auch Jimi Hendrix, Michael Jackson und John Lennon zählen. Retro war wieder chic. Amy Winehouse sprach zu ihrer Generation. Sie sprach zu ihr und belog sie nie, sie war immer nur Amy, nicht mehr und nicht weniger. Die Drogen, die von Alkohol und Marihuana auf Crack und Kokain wechselten, gehörten zu ihr wie schon das Heroin zu Billie Holiday. Überhaupt gab es viele Parallelen zwischen diesen beiden Ausnahmetalenten. Sie hatten ihre Fehler und es war ihnen egal, was andere über sie dachten. Das machte sie über andere Künstler erhaben, die ihre Fans belügen, ein Image des Geldes wegen pflegen und sich in vielerlei Hinsicht prostituieren. Ihr Stimmen waren Himmel und Hölle zugleich, bluesig, dämonisch, herzzerreißend. Sie klangen nach durchzechten Nächten, Sex, Alkohol und Zigaretten. Sie waren die Stimmen jener Frauen, vor denen gute Mütter ihre Söhne warnen und denen man dennoch mit Haut und Haar verfällt. Als seien sie den homerischen Epen entsprungene Sirenen.

In den letzten Jahren ihres Lebens war Amy Winehouse jedoch nicht mehr bloß die verruchte Soulsängerin sondern ein Abziehbild ihrer selbst. Aus dem pöbelnden Talkshowgast wurde ein bizarres Wesen mit comichaften Frisuren, falschen Zähnen, wahllosen Tattoos und seltsamen Männerngeschmack. Sie war die torkelnde Vogelscheuche, die, wenn sie überhaupt zu ihren Auftritten erschien, auf der Bühne lallend zusammenbrach, nackt auf ihrem Hotelbalkon tanzte oder sich den peinlichen Karrieren ihre minderjährigen Nichte und ihres Vaters hingab. Ihr Untergang wurde längst in den Medien zelebriert, Rehab war nicht nur ein Lied, es war programmatisch. In den letzten Tagen ihres Lebens, nach dem katastrophalen Auftritt in Belgrad, in dem sie von ihren Fans völlig zu Recht ausgebuht wurde, wirkte sie entspannt, schien keine Gewichtsprobleme mehr zu haben, war aber verbraucht. Ihr Gesicht wirkte schwammig, um Jahre gealtert. Ihr Tod ist die logische Konsequenz eines Lebens am Limit, geprägt von Depressionen, selbstzerstörerischen Liebeleien, Magersucht und Drogen. Kann man Amy Winehouse für ihre Lebensweise einen Vorwurf machen? Wohl kaum. Wer nie in den Genuss einer Depression kam, vielleicht sogar einer derer war, die ihren Verfall gewinnbringend zelebrierten, sollte in den nächsten Tagen besser schweigen. Die Party ist vorbei.

In Gedenken an Amy Jade Winehouse, 1983 – 2011.


Amy Winehouse – Back To Black von universalmusicdeutschland

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Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil.

Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.