„Alejandro“ von Lady Gaga pornographisch?

Lady Gaga

Photocredit (c) Aaron Fallon

Gestern Abend bin ich bei der Nachtwiederholung von Exklusiv darauf aufmerksam geworden, dass einige Prominente ein erhebliches Problem mit Lady Gagas neuem Musikvideo Alejandro haben, jenem Video, das SM-Motive, faschistische Ästhetik und allgemeine Kirchenkritik mischt. Zu den besagten Prominenten gehörten u.a. Anne-Sophie Briest (Natalie – Endstation Babystrich Reihe) und Nina Hagen (Auf’m Bahnhof Zoo, TV Glotzer, Du hast den Farbfilm vergessen). Während erstere sich nur um das seelische Wohl ihres Kindes sorgte (was sie nicht tun müsste, würde sie einen Webfilter nutzen und ihr Kind nicht allein Fernsehen schauen lassen) warf Hagen Lady Gaga vor, ihr Kunst sei keine solche sondern Pornographie. Nun, betrachten wir einmal die Definition von Pornographie etwas genauer. So sagt das Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft (de Gruyter, 2003):

Pornographie: Darstellung sexueller Akte in Wort, Bild oder Ton, die darauf abzielt, den Rezipienten sinnlich zu erregen oder durch die Obszönität der Darstellung zu provozieren.

Vergleicht man nun das betreffende Musikvideo mit der oben stehenden Definition, so handelt es sich bei dem Video durchaus um Pornographie – allerdings nicht der Darstellung eines sexuellen Aktes wegen, der nur angedeutet wird, sondern aufgrund einer eventuell enthaltenen provozierenden Obszönität.

Das Sachwörterbuch der Literatur (Kröners Taschenbuch, 7. Auflage) hingegen definiert Pornographie wie folgt:

Form der Schundliteratur, unzüchtige Steigerung der erotischen Literatur mit ästhetisch, kompositorisch, stilistisch und literarisch wertloser, unmissverständlicher Darstellung geschlechtlicher Vorgänge (Geschlechtsverkehr, Sexualpraktiken, Perversion) entstanden zu dem ausschließlichen Zweck, sexueller Stimulierung und daher stets unoriginell, monoton in Wiederholung und Steigerung und das schickliche Maß des noch vertretbaren Geschmacks mit betontem Reiz zum Obszönen hin übersteigend.

Also genau das, was Nina Hagen ihrerseits sowohl in ihrem Stück Heiss andeutete

Ich war zu Hause unter meiner kalten Brause
Und da kam Herr Wichsmann unter meinen Wasserhahn
Ach, war das toll!
Ihm tropfte ab der Schweiß, er sagte:

Mir ist heiß!
Ich bin heiß!
Ach, warum sind denn nicht alle so heiß?
Ja, ist es denn ein Wunder?

in ihrem ersten, weniger bekannten Buch Ich bin ein Berliner. Mein sinnliches und übersinnliches Leben. hinreichend deutlicher beschrieb und letztendlich im Fernsehen in der Sendung Club 2 deutlich zeigte [Video 1].

Abgesehen davon, dass sich beide Definitionen auf Literatur beziehen ist doch zu erkennen, dass etwas nur dann als pornographisch angesehen werden kann, wenn zum Einen der sexuelle Akt bildlich dargestellt wird (durch Penetration, deutliche Präsentation primärer Geschlechtsmerkmale etc.) und zum Anderen eine monotone Wiederholung eines ästhetisch wertlosen Vorgangs vorliegt. Man könnte sicherlich argumentieren, dass Lady Gagas Video unoriginell sei, war doch alles schon einmal als Musikvideo vorhanden (So z.B. bei Madonna [Video 2], Grace Jones [Video 3] oder Rammsteins Pussy) doch trifft diese Kritik auf alles Mediale zu, ist es doch schwer, etwas völlig Neues zu zeigen, ohne dabei weitere Grenzen zu überschreiten. Werden Grenzen aufgebrochen entstehen Filme wie SAW 2 oder Hostel 1 & 2 (die in der Übersteigerung des Gewaltgehalts auch nur eine Wiederholung des bereits in den japanischen Guinea Pig Filmen Gezeigten sind). Auch Videos wie Smack My Bitch Up von The Prodigy überschritten einst Grenzen, sind auch heute noch harter Tobak waren aber nie vor 23 Uhr im deutschen Musikfernsehen zu sehen.

Was man nun auch von der Kunstperson Lady Gaga, ihrer Musik oder der Darstellung eines sexualisierten Faschismus‘ halten mag, ob einem die blasphemischen Inhalte stören oder nicht – was Kunst ist und was nicht lässt sich einfacher definieren: Kunst ist ein aus dem kreativen Prozess entstandenes Werk, also sowohl Musikvideo als auch Lied, Text, Bild Film o.ä.. Zu guter Letzt noch eine Anmerkung: Wurde in der Sendung noch behauptet, SM Praktiken wären unnormal so muss erwähnt werden, dass aktuelle Sexualforscher und Psychoanalytiker dem deutlich wiedersprechen würden.

Einige Videos können aufgrund des Jugendschutzes nicht gezeigt werden.

[Streitobjekt]

[Video 1]

[Video 2]

[Video 3]

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Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil.

Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.