Gedanken zu Helene Hegemann und Lena Meyer-Landrut

Lena Meyer-Landrut Photo Credit: (c) Universal Music 2010

Photo Credit: (c) Universal Music 2010

Ursprünglich als Leserbrief zum lesenswerten Artikel Mädchen, Mädchen. Helene Hegemann und Lena Meyer-Landrut sind die Gesichter einer neuen Generation starker Frauen – und die Hoffnung des Bildungsbürgertums von Wiebke Ramm und Dany Schrader (HAZ Nr. 83, 10. April 2010 Link) gedacht, dann aber versäumt abzuschicken. Deshalb an dieser Stelle veröffentlicht.

Im Literaturbetrieb scheint es seit geraumer Zeit en vogue zu sein, vermeintlich verkopfte Literatur zu publizieren, die von ebenso vermeintlichen Wunderkindern stammt. Hat man dies bereits 1999 mit Benjamin Lebert getan, so erreichte die Publikationswut mit Charlotte Roche (bereits zu groß, um noch als Wunderkind gelten zu dürfen, aber dennoch stilprägend) ihren Höhepunkt. Eine unausgereifte Vulgarität, die versucht, Elfriede Jelinek zu zitieren, ohne jedoch ihre Vielschichtigkeit zu erreichen, ist nun der Anlass geworden, alles zu drucken, was in irgendeiner Form in die Sparte der prosaischen Erlebnisliteratur passt. Und so erschien das Wunderkind Helene Hegemann im Scheinwerferlicht, wurde hofiert und gelegentlich auch als Heilsbotin einer neuen Mädchenbewegung präsentiert. Scharfzüngige Kommentare und vor allem jede Menge Selbstbewusstsein – der Wunsch der Elterngeneration. Nachdem sich aber offenbarte, dass so ziemlich alles, was Hegemann jemals veröffentlicht hatte, von anderen Personen inspiriert oder schlicht plagiarisiert war wähnte sich Hegemann als Opfer; Copy-and-Paste wäre in ihrer Generation ganz normal titelten die Zeitungen und auch diese Aussage wurde von ihr übernommen. Kein Wort einer Entschuldigung bei ihrem Auftritt in der Harald Schmidt Show, vielmehr kokettierte sie mit dem verruchten Charme einer zu Unrecht beschuldigten (Lesenswert: Das Tagebuch von Airen im Rolling Stone). Vermutungen, Hegemanns Vater hätte ihr Worte und Kapitel in den Mund gelegt, sind bis heute weder bestätigt noch zurückgewiesen worden. Doch was blieb nach der Harald Schmidt Show? Den Zuschauern erschien sie überheblich, kannte sie doch nicht einmal den Inhalt ihres Buchs. Das entschuldigte sie, indem sie darauf verwies, dass entsprechende Stelle wohl ebenfalls von ihr geklaut wurde.

Bei Meyer-Landrut liegt der Fall ein wenig anders. Zwar kann sie weder Noten lesen (sollte man als Abiturientin zumindest in Ansätzen können, wenn man die neunte Klasse nicht verschlafen hat) noch besonders gut singen (was bekanntlich noch nie jemanden von einer Karriere abgehalten hat), dafür überzeugt sie mit Unverkrampftheit und einer gewissen Natürlichkeit; einem Talent zum Performern. Jo Groebel hat Recht wenn er von der Stimme der Eltern- und Großelterngeneration spricht. Hier trifft die Schlagerklientel auf den Altachtundsechziger, bei Nusseckchen und Erinnerungen an die eigenen jugendlichen Heldentaten besinnt man sich auf die münchausenhaften Abenteuer Hegemanns und erfreut sich an der kecken Wortwahl einer Meyer-Landrut, die bei anderen Jugendlichen aufs Schärfste verurteilt wird. Wir kennen das wie gesagt aus dem Schlagermilieu oder von Wetten Dass…? Moderator Thomas Gottschalk. Über die Feierlaune wird die Vernunft veruntreut. Doch was passiert, wenn der Star versagt bzw. nicht das gewünschte Ergebnis erzielt? Hier helfen uns Gustave Le Bon und Siegmund Freud weiter: Die Gruppe erkennt, dass ihr Anführer doch nicht so einzigartig ist und verschlingt ihn. Der alte Held wird mit Füßen getreten, der Neue tritt an seine Stelle. Denn die Gruppe sucht sich ihre Anführer nicht umgekehrt. Wollen wir hoffen, dass Meyer-Landrut dieses Schicksal erspart bleibt und sie dem Erfolgsdruck standhält, es wäre schade um sie.

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Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil.

Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.