Richard Wagner und Zensur (Satire – oder doch nicht?)

Wagner_Luzern_1868Jedes Jahr um diese Zeit rege ich mich tierisch auf, wenn ich morgens in die Zeitung schaue. Ja, genau, die Bayreuther Festspieltage finden wieder statt! Früher regte ich mich eher über die vernagelten Wagnerfans auf, die auf kleinste Neuerungen in den Inszenierungen reagierten, als würde man eine Parodie Wagners mit überproportioniertem Kopf selbst über die Bühne scheuchen, inzwischen rege ich mich aber aus einem ganz anderen Grund auf: Jetzt scheucht man Wagner wirklich mit überproportioniertem Kopf über die Bühne. Wie kann man bitte den Schöpfer dieser wunderbaren Musik so herabwürdigen? Vor allem wenn man von seinem Erbe mehr als gut lebt? Und Hans Sachs als Faschisten darzustellen ist seit den 50er Jahren kein Novum mehr. Inzwischen hat  jeder verstanden, dass es sich bei Wagner mehr oder weniger um einen Faschisten handeln könnte – ich für meinen Teil unterstelle ihm faschistoide Tendenzen mit Hang zu äußerst schwarzem Humor. Wie um alles in der Welt kann man eine Wagnerinszenierung für Kinder rechtfertigen? Zu aller erst ist Der Fliegende Holländer nun wirklich die am einfachsten verständliche Wagneroper, zum anderen ist eine Kinderfassung schlicht und ergreifend Zensur der übelsten Sorte. Wenn ich einen Horrorfilm Kindertauglich mache, muss ich ihn kürzen, also zensieren. Wenn ich eine Wagneroper textlich und musikalisch für Kinder optimiere ist das nur ein verdrehter Euphemismus für Zensur und Werkpfuscherei. Wagner ist nicht für Kinder gedacht. Wer mit seinen Kinder in die Oper gehen möchte, soll sich Humperdinck (Hänsel und Gretel) oder Loewe (My Fair Lady) anschauen, aber nicht Wagner. Zu komplex die Handlungen, zu verkopft tönt die Musik. Irgendwie passend, dass die Familienministerin bei der Premiere anwesend war und die Kinderfassung ganz toll fand. Nur noch eine Frage der Zeit, bis die zensierte Fassung das Original ersetzt?

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Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil.

Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.