Retro Soul – Und es war so schön…

sharon-jones2003 fing alles so schön an, ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Ich saß in einer Wohnung in Paris und las den Music Guide, eine Zeitung, die es, soweit ich weiß, heute bedauerlicherweise nicht mehr gibt. Es war absolut nichts zu tun, mir war langweilig und meine MiniDiscs hatte ich schon viel zu oft gehört. Ich stieß auf einen Artikel über Joss Stone, die mir auf Anhieb unsympathisch war, wie mir jeder unsympathisch ist, der behauptet, er hätte eine Lese- und Rechtschreibschwäche, aber mittels Musik hätte man diese überwunden. Trotzdem las ich den Artikel und mich reizte, was ich las: Ein weiße Frau mit einer Stimme, die der einer Janis Joplin ähnlich sein sollte (von wegen!), singt alte Motown Klassiker. Interessant. Am nächsten Tag ging ich zu FNAC und durchstöberte die Soulabteilung. Es gab damals eine tolle Vinylserie von Blue Note Records mit wunderschönen Covern, auf denen hübsche Frauen zu sehen waren, die unlängst auf CD wiederveröffentlicht wurde, jedoch mit gezeichneten, wirklich hässlichen Covern. Dummerweise kaufte ich mir damals keine dieser LPs, da mir die Musik noch nicht zusagte. Doch gerade ein Jahr später entdeckte ich Isaac Hayes für mich und wurde sofort zum Fan. Ich kaufte alles, was ich vom Stax Label finden konnte. Auch Nikka Costa durfte nicht fehlen, obwohl mir ihre Musik damals noch nicht zu hundert Prozent zusagte. Seit jeher hegte ich eine Vorliebe für den Stil der 50er und 60er Jahre. Plötzlich rückte er immer mehr in den Vordergrund. Es folgten Alben von Amy Winehouse (ihr erstes Album ließ mich aufhorchen, ihr zweites Joss Stone vergessen), James Morrison (der mit zur sehr nach Stevie Wonder klang), Corinne Bailey Rae, Sharon Jones & The Dap Kings, Duffy etc. Parallel dazu wurden immer mehr alte Platten wiederveröffentlicht, es wurden jede Menge Sampler verkauft. Sogar Reverend Al Green und Stevie Wonder versuchten es nochmal. Ich ging auf diesen Sound ab. Es machte richtig Spaß. Doch dann kam Amys zweite Schallplatte auf den Markt und so begann der Anfang vom Ende. Die Platte ist wirklich ausgezeichnet, aber als sie endlich in Deutschland rauskam und einige Monate später in die Charts schoss, war es mit dem Retro Soul quasi vorbei. Plötzlich interessiere nicht mehr die Musik, sondern nur noch die Person Amy Winehouse. Diese wurde indes immer kranker, nahm Drogen und ging auf den Abgrund zu. Mir kam sofort Kurt Cobain in den Kopf, der ein ähnliches Schicksal teilte. Als Amy dann nach St. Lucia verschwand, rechnete ich täglich damit, dass sie tot in den Dünen gefunden wird oder tot im Pool umhertreibt. Doch es geschah nichts dergleichen. Zur selben Zeit erblickte die Retortenband Queensberry das Licht der Öffentlichkeit. Kleine Mädchen, von denen einem eigentlich nur Antonella im Gedächtnis bleibt und die fast noch bedeutungsloser sind als Room irgendwas. Ihr Sound soll Retro Soul sein, was natürlich Blödsinn ist. Auch ihr Styling unterlag dem Stil der 50er/60er Jahre. Es folgte Sasha, der plötzlich auch auf der Schiene mitfahren wollte. Wäre er doch bloß Dick Brave geblieben… Neulich schaltete ich den Fernseher an und sah, dass irgendeine DSDS Sängerin auch Retroklamotten trug. Schade. Amy ist inzwischen aus St. Lucia zurückgekehrt und ihr geht es plötzlich blendend (wieder eine Parallele zu Kurt Cobain, der kurz vor seinem Tod seine Magenprobleme überwunden hatte). Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Retro Soul ist tot. Von der Musikindustrie zu Grabe getragen. Schade. Es war schön, ein Teil dieser, vielleicht wichtigsten Musikbewegung der 00er gewesen zu sein.

Ja, es ist vorbei…

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Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil.

Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.