Serge Gainsbourgs Konzeptalbum L’Homme À Tête De Chou gehört ohne Zweifel zu den interessantesten und wichtigsten Werken der französischen Popmusik. Nicht nur, dass Gainsbourg hier zum ersten Mal mit dem Reggae flirtet, eine Liaison, die wenige Jahre später in den zwei großartigen Alben Aux armes et caetera und Mauvaises nouvelles des étoiles kulminieren wird, auch die Verwendung exotischer Instrumente wie dem Digeridoo und des gesprochenen Wortes, noch mehr als es bei Melody Nelson der Fall war, trägt zu seiner Sonderstellung bei. Alain Bashung, der seit jeher einen gleichen musikalischen Ansatz verfolgte – also die Verbindung anspruchsvoller Musik mit ebenso anspruchsvollen Texten – nahm sich kurz vor seinem Tod vor 3 Jahren dem Gainsbourg’schen Meisterwerk an. Unter der Führung von Jean-Marc Ghanassia, dessen Idee es war, L’Homme À Tête De Chou als Tanztheater auf die Bühne zu bringen, entstand eine Neuinterpretation des Albums, die man als durch und durch gelungen betrachten darf. Bereits der Soundtrack zu Vie Heroique deutete an, wie gut die Stücke des alten Meisters im zeitgenössischen Klangkosmos funktionieren (z. B. Qui Est „In“ Qui Est „Out“, L’Hôtel Particulier oder Nazi Rock). Ein Problem des Albums ist sicher die Stimme Bashungs, die einen harschen Kontrast zu Gainsbourgs liebevoller Intonation bietet. Besonders deutlich wird dies in Marilou Sous La Neige, das wie kein anderes Stück auf L’Homme À Tête De Chou eine schmeichelnd-verzweifelten Stimme bedarf und hier, auch was das Arangement betrifft, abgestanden klingt. Abgesehen von diesem Beispiel ist die Neuinterpretation jedoch absolut gelungen. Das fängt beim großartigen Verpackungsdesign an, erstreckt sich über das Booklet und mündet in einem modernen Sound, der sich teils extrem vom Original unterscheidet, weniger psychedelisch ist (keine Sorge: davon gibt es immer noch genug – vgl. hier z. B. Variations sur Marilou, dass trotz aufdringlichem E-Drum einen ungeahnten Sog aufzubauen versteht oder das teils free-jazzige Lunatic Asylum) und den Zuhörer mit seiner Direktheit zu begeistern weiß. Ein wenig traurig stimmt jedoch wieder einmal die erschreckende Veröffentlichungspolitik Deutschlands. Man muss wohl oder übel auf die Importversion zurückgreifen.
Meine Vorliebe für (französiche) Ukulelemädchen ist kein Geheimnis mehr und so verwundert es auch nicht, dass die Single von Gaele mit seiner beschwingten Leichtigkeit meine Aufmerksamkeit pachtete. Nun liegt die dazugehörige CD der Frankokanadierin seit Monaten auf meinem Schreibtisch und schlussendlich weiß ich immer noch nicht so genau, was ich dazu sagen soll. Die bereits erwähnte Leichtigkeit verbindet Gaele mit allerlei verschrobenen Effekten und Instrumenten, sie versperrt sich der leichten Zugänglichkeit und setzt sich so von ihren Genrekollegen ab. Sowohl im positiven als auch (auf Albenlänge) im negativen. Hörenswert.
Daphnés Album bleu Venise wäre doch beinahe an mir vorbeigegangen, was vor allem an ihrem Cover liegt. Irgendwie albern und unpassend wirkt es. Trotzdem machte mich ihr Musikvideo zu L’homme à la peau musicale neugierig. Zum Glück. Bleu Venise ist eines dieser französischen Alben, die bekannte Clichés so sehr bedienen, dass es ein Spaß ist. Wer an Berry oder (meinetwegen auch) Carla Brunis Erstling denkt, liegt ganz richtig. Ja, es ist lieblich, gefällig und Balladengeprägt. Und ja, es versorgt Frankophile mit genau dem Stoff, den sie brauchen, um die Zeit zu überbrücken, in der Coralie Clément gerade kein Album veröffentlicht. Eine Stimmung, die an Jazzdarling Melody Gardot erinnert, mit Stücken wie Mélodie à personne, so klassisch, schöngeistig, verführerisch wie es nur geht. Einmal gehört, hingerissen von der atemberaubenden Schönheit entschwindet man der Hektik, der Depression und sonstigen Nebenerscheinungen des modernen Lebens. Mit meinen geringen Erwartungen wurde ich mehr als überzeugt und kann dieses Album mit dem festen Brustton der Überzeugung weiterempfehlen. Die sehr schönen Videoclips gibt’s übrigens auf einer beigelegten DVD. Was hingegen die Miniclips da verloren haben, warum man kein komplettes Video gedreht hat, erschließt sich mir nicht.
Alister ist ein französischer Multiinstrumentalist, der mit Double Détente sein inzwischen zweites Album veröffentlicht. Ein Album, das vor lauter Coolness beinahe platzt. Schneidende E-Pianos, treibende Bässe, eine Mischung aus 80s Pop und Nouvelle Chanson. Zwar gibt es auf Double Détente auch Stücke die, nahe am Kitsch entlangschrammeln, aber nie wirklich abrutschen. Es ist nicht zuletzt der Gesang Alisters, der jedes Stück rettet. Seine entspannten Arrangements schaffen eine Stimmung, wie man sie nicht zuletzt vom letzten Bryan Ferry Album kennt. Selbstredend ist auch der alte Gainsbourg wieder omnipräsent – was wäre der Nouvelle Chanson ohne ihn? – aber der Einfluss bleibt dezent im Hintergrund. Ein wunderbares Album, das so klingt, als wäre Miami Vice in Frankreich gedreht worden. Doch bei aller Rückwärtsgewandtheit sind Alisters Songs stets modern und nicht zuletzt ungemein unterhaltsam. Anspieltipps: La Femme Parfait, Docteur, Mauvaise Rencontre.
Englischsprachige Musik aus Frankreich ist relative rar. Das liegt vor allen Dingen daran, dass Franzosen ihre Sprache über alles lieben und dank Musikquote die Chancen auf Airplay eher gering sind, wenn eine heimische Band nicht in Landessprache singt. Das ist insofern logisch, da man ja, wie bereits angedeutet, die eigene Sprache schätzt und fördert. Wenn dann aber doch englisch gesungen wird, steigt natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass man im Ausland zur Kenntnis genommen wird, denn Franzosenenglisch ist immer auch ein wenig niedlich. Bei Cocoon haben wir es überdies mit einem Sonderfall zu tun: Die Musik ist Indiefolk und hat somit eine Zielgruppe zu bedienen, die auf Verschrobenes besonders steht. Where The Oceans End ist optisch und musikalisch großartig, das Cover ist wunderbar verspielt und präsentiert die verträumte Musik der Franzosen auf wunderbare Weise. Es ist die Art von Musik, die man an besonders heißen Tagen auf dem Liegestuhl dösend über den Discman hört. Das geistige Auge sieht dann ferne Länder, erlebt Abenteuer und schwimmt mit Walen.
Frankreichs derzeit wohl einziger Popmusiker, der es auch nur ansatzweise mit Serge Gainsbourg aufnahmen kann, ist zweilfesfrei Benjamin Biolay. Der wohl berühmteste Vertreter des Nouvelle Chansons, dem zuletzt eine Affaire mit Carla Bruni nachgesagt wurde, arbeitete bereits für Musiker wie Hanri Salvador, seine Schwester Coralie Clémént und Exfrau Chiara Mastroianni. Nebenbei nimmt er immer wieder fantastische Alben wie Rose Kennedy, Trash yéyé und La Superbe auf. Nun verschenkt er auf seiner Website den neuen Song Dans Paris.
101 von Keren Ann ist ein von mir langersehntes Album, erschien ihr letztes selbstbetiteltes Album bereits 2007. Eine lange Wartezeit, die durch Soundtracks, Arte Sounddesign, Emmanuelle Seigners großartiges zweites Album Dingue und Sylvie Vartans mittelmäßiges Soleil Bleu deutlich verkürzt wurde, so dass man sie nie wirklich aus den Ohren verloren hat. Immer wieder gab es, auch auf den schwächeren Alben, Songs, von denen man dachte, sie wären auf ihren eigenen Alben mindestens genauso gut aufgehoben wären. Doch ihr gelang es immer, jedem Künstler einen eigenständigen Sound zu geben und doch ihren eigenen zu bewahren und zu erweitern. 101 ist nun der Höhepunkt ihres bisherigen Schaffens. Ungeheuer melodienlastig kommt es daher, gibt sich verspielt und schmeichelt den Ohren, ohne platt zu wirken. Interessante Wendung veredeln Songs wie My Name ist Trouble und Sugar Mama. Aber auch die anderen Stück sind über jeden Zweifel erhaben. Ja, die Erwartungen wurden mehr als erfüllt und man kann sich nur wundern, wie viel Musikalität Keren Ann zu bieten hat.
Nach langem Warten und personellen Veränderungen setzt Marianne Dissard ihr Debütalbum mit L’abandon fort. Nun schreibt nicht mehr Joey Burns von Calexico die Songs, sondern der Morricone Schüler Christian Ravaglioli sowie Marianne Dissard selbst. Gleich vorweg: keine gute Entscheidung. Es ist nicht einmal die Hinwendung zum staubtrockenen Wüstensound, weg von den Balladen, denn der Wind der Prärie wehte schon zuvor durch den dissardschen Klangkosmos. Und Stücke wie La peau du lait, Fugu und insbesondere die Tucson-Hymne The one and only sind ganz starker Stoff, doch wird man das Gefühl nicht los, dass irgendwas nicht stimmt. Zur zweiten Hälfte hin klingt das Album deutlich geschlossener, doch ist der Gesamteindruck recht unentschlossen. Teils wirken Gesang und Stück getrennt voneinander beeindruckend; an der Qualität der Musiker ist nichts auszusetzen. Insbesondere die bereits erwähnten Stücke lassen hoffen und mit Fugu ist Marianne Dissard ein wirklich beeindruckender Text gelungen. Ein Album, das hoffentlich nur der musikalischen Orientierung dient. Fans werden jedoch gut bedient.
Nach Le Pop 5 nun also auch Le Tour 5 von Thomas Bohnet, dem DJ, der seit Jahren die Tour De France Partys organisiert, also jene Partys, auf denen man zu französischer Musik abhotten kann. Der Hauptunterschied zwischen Le Pop und Le Tour ist sicherlich der musikalische Fokus: Beschränkt sich der Le Pop Sampler auf aktuelle französische Musik, so ist auf den Le Tour Samplern auch mal ein Stück von 2005 dabei und die Musik ist deutlich tanzbarer. Ein Querschnitt aus der Franzosendisko, Partyhits oder Kontor für Frankophile. Gute Laune im Quadrat. L’Homme Parle sind mit ihrer quasi Grünenhymne vertreten, ein politischer Song, keine Frage. Renan Luce, bekannt vom Vorgängersampler, wirft wieder einmal die Frage auf, warum der Franzosenanteil im deutschen Radio bei nahezu 0% liegt. Gleiches gilt für As de Trêfle. Wer da noch miesepetrig in der Ecke sitzt, ist selbst schuld. Die großen Entdeckungen des Samplers sind sicherlich Mélanie Pain und La Grande Sophie. Erstere ist einigen sicher als Sängerin von Nouvelle Vague bekannt, jener Band, die New Wave Stücke im Bossa Nova Sound covert. Ihr eigener Sound: Viel hat er mit ihrer Hauptband nicht gemein. Bläsersätze treffen auf Piano, Hammondorgel und ein luftig-lockeres Schlagzeug. La Grande Sophie hingegen ist etwas besinnlicher. Freilich kein Newcomer, bereits in den 90ern hatte sie einige Hits. Immer wieder erstaunlich, was man alles verpasst… Es folgt Balkan Pop mit Watcha Clan und R-Wan. Das zündet. Babylon Circus, Princess Charmeaux, Féfé und Les Gourmets erinnern den Hörer daran, dass französischer Hip Hop genauso ausgezeichnet ist, wie man ihn in Erinnerung hat. Diese Sprache bietet sich einfach für alles an, was auf Rhythmus und Wortklang basiert. Caravan Palace, nicht minder tanzbar, doch musikalisch komplett entgegengesetzt, verbinden Elektronik und Swing und was DJ Kore & Magic System feat. Khaled da aus der Musik Südafrikas machen, sollte jeder für sich selbst entdecken. Pauline Paris erinnert ein wenig an Gabby Young, zündet nur leider nicht so sehr. Auch reggaeaffine Hörer kommen auf ihre Kosten: Tiken Jah Fakoly feat. Soprano lösen sich wohlig aus dem oft zu gleichförmig klingenden Genre. Nie ganz verstanden habe ich den Hype um Manu Chao – ebenso ergeht es mir folglich mit der Musik Da Silva. Ganz nett ist es allemal. Sehr viel besser gefällt mir da schon miCkey [3d]. Elektropop mit Melodie ist immer wieder toll. Und wenn Le Tour 5 sich mit Benjamin Biolays tiefen, an Gainsbourg erinnernden Stimme verabschiedet, ist der Frankreichfreund bereits vor lauter Glück ins Koma gefallen. Zuckerschock Deluxe.
Jenifer Yael Dadouche-Bartoli gehört zu den erstaunlich talentierten Gewinnern französischer Castingshows, denen nach ihrem Sieg nicht nur eine glänzende Karriere bevorsteht, sondern auch eine Emanzipation vom gängigen Pop-Schrott gelingt. Appelle Moi Jen ist ihr bereits 4. Album (zählt man ihr Livealbum nicht mit); den Vorgängeralben gelangen Chartplazierungen vor allem in Frankreich und Belgien (jeweils Top 10), in der Schweiz kam sie immerhin noch in die Top 100; gelegentlich tummelt sie sich auch weiter oben. Auf ihrem aktuellen Album macht sie da weiter, wo Mini Moustache mit L’odeur Du Disco aufgehört haben. Intelligente und doch tanzbare Musik, die in die Beine geht und sich wie ein Candiru (nur eben im Kopf) festsetzt. Und dort bleibt die Musik dann erst mal. Je danse gibt den Weg vor. Weitere Highlights sind L’amour fou, Le dos tourné, À peine und eigentlich das Album als Ganzes. Wer weitere Vergleiche zu anderen Künstlern sucht, darf sich in den intelligenten Tanzplatten der 80er Jahre (z.B. bei Prince) umhören. Hier gibt es keinen Aussetzer, kein Füllmaterial. Dicke Empfehlung!