Loanes Le Lendemain liegt hier nun schon seit Monaten auf dem Tisch und wartet darauf, bearbeitet zu werden. Eins Vorweg: Ein tolles Album! Loane versteht es, Stimmungen zu erzeugen und Hits zu schreiben. On S’En Fout, tanzbarer Melancholie a la Frantic (dem Roman Polanski Film), mit englischem Refrain, befremdlich und vertraut zu gleich – wunderbar. Boby (mit Christophe) hingegen könnte so auch von Mark Ronson oder dem neuen Benjamin Biolay Album stammen. Schneidende Retrokeyboards, wunderbare Melodien, tolles Sounddesign, treibende Beats. Und so fährt das Album fort: Gute Songs reihen sich aneinander, lediglich Lenny Kravitz als Gaststar erschließt sich einfach nicht. Würde er nicht in den Credits von Save Us stehen – bemerkt hätte ihn sicher niemand. Überdies ist gerade Save Us einer der schwächsten Tracks auf Le Lendemain. Loane hat ihre ganz eigene Interpretation des Chansons geschaffen, mischt ihn mit Elektroeinflüssen, gibt sich aber auch fragil, nur von Pianoklängen und einem Engelschor begleitet. Selbst der versteckte Bonustrack besitzt Mehrwert. So dürfen gerne mehr Alben klingen.
Benjamin Biolay gehört ohne Frage zu den wichtigsten Vertretern des Nouvelle Chansons. Man darf sogar behaupten, dass es sich bei ihm um den wichtigsten Vertreter dieser Gattung handelt, hat er doch neben seinen eigenen Songs auch immer wieder für andere Musiker geschrieben, sei es Henri Salvador, Isabelle Boulay oder seiner Schwester Coralie Clément und transportiert als einziger die musikalische Stimmung eines Serge Gainsbourgs in die heutige Zeit (La Superbe). Die vorliegende Zusammenstellung vereint nun Hits und Singles, ist der ideale Einstieg für Unkundige. Dass hier die Single Edits einiger Stücke den Albenversionen vorgezogen wurde, hat durchaus Sinn: Insbesondere deutsche Fans erhalten so die Chance, ihre Sammlung zu erweitern, in denen diese vermutlich fehen werden. Über die Auswahl der Stücke kann man freilich streiten – doch ist die Mischung in sich stimmig.
Stacey Kent, jene Sängerin mit der Stimme aus Samt, hatte mit ihrem letzten Album Dreamer recht großen Erfolg. Die sympathische Musikerin hat sich den Erfolg auch redlich verdient, was sie nun mit ihrem Livealbum beweist. Stücke von Rogers und Hammerstein, Serge Gainsbourg, Antonio Carlos Jobim und Benjamin Biolay werden äußerst intim vorgetragen, es wirkt als wäre man beim Konzert dabei und dort wieder ganz allein. Stacey Kent ist jeden Moment präsent, wirkt aber nie aufgesetzt oder fehl am Platz. Auch diventypische Vokalakrobatik fehlt zum Glück völlig. Einige Stücke wurden selten so liebenswert vorgetragen wie hier, unter ihnen Jardin D’Hiver und Waters Of March. Obwohl hauptsächlich Standards im Programm sind, ist Dreamer In Concert kein liebloses Album geworden und als CD absolut empfehlenswert.
Ausnahmsweise mal eine Kritik zu einem rein digitalen Album: C’est ça la Pop. Die jungen Wilden aus Frankreich ist ein Sampler, der versucht, die Nouvelle Scene Francaise auf 19 Stücke zusammenzufassen. Die Trackliste liest sich gut: Zaz, Coralie Clément, Keren Ann, Soha, M, Benjamin Biolay, Camélia Jordana, Chat, Raphael, Francoiz Breut oder Loane (Kritik zu ihrem neuen Album Le Lendemain folgt in Kürze), sie alle sind Teil der Szene. Lediglich die Stückauswahl ist manchmal etwas seltsam. Zaz mit Je veux musste natürlich sein, ist quasi das Zugpferd der Kompilation. Auch bei Claire Denamur und Camelia Jordana gibt es nichts zu meckern. Warum aber ausgerechnet Je dis aime von M und nicht seine phänomenale, in Deutschland bisher unveröffentlichte Sean Lennon Kollaboration L’Eclipse? Ein Track, der an Freshness kaum zu überbieten ist. Warum Benjamin BiolaysQu’est ce que Ça peut faire und nicht La Superbe, Padam oder das inzwischen etwas ältere Rose Kennedy? Immerhin ist mir Francoiz BreutsSi tu disais auch ein inzwischen fast 10 Jahre alter Track vertreten. Überhaupt fragt man sich, warum die Auswahl teils so seltsam geraten ist. Wo ist z. B. Coeur De Pirate? Wo Berry? Wo Vincent Delerme, Emmanuelle Seigner und Rose? Der Sampler ist hier nicht konsequent. Zwar nennt er sich Die jungen Wilden aus Frankreich – aber was haben Stacey Kent oder Francoiz Breut dann dort verloren? Nichtsdestotrotz ist der Sampler relativ gut gelungen, schafft für den Einsteiger einen guten Überblick und da er lediglich als Download erhältlich ist, kann man sich die von mir genannten, fehlenden Künstler und Tracks dazu kaufen.
Frankreichs derzeit wohl einziger Popmusiker, der es auch nur ansatzweise mit Serge Gainsbourg aufnahmen kann, ist zweilfesfrei Benjamin Biolay. Der wohl berühmteste Vertreter des Nouvelle Chansons, dem zuletzt eine Affaire mit Carla Bruni nachgesagt wurde, arbeitete bereits für Musiker wie Hanri Salvador, seine Schwester Coralie Clémént und Exfrau Chiara Mastroianni. Nebenbei nimmt er immer wieder fantastische Alben wie Rose Kennedy, Trash yéyé und La Superbe auf. Nun verschenkt er auf seiner Website den neuen Song Dans Paris.
Nach Le Pop 5 nun also auch Le Tour 5 von Thomas Bohnet, dem DJ, der seit Jahren die Tour De France Partys organisiert, also jene Partys, auf denen man zu französischer Musik abhotten kann. Der Hauptunterschied zwischen Le Pop und Le Tour ist sicherlich der musikalische Fokus: Beschränkt sich der Le Pop Sampler auf aktuelle französische Musik, so ist auf den Le Tour Samplern auch mal ein Stück von 2005 dabei und die Musik ist deutlich tanzbarer. Ein Querschnitt aus der Franzosendisko, Partyhits oder Kontor für Frankophile. Gute Laune im Quadrat. L’Homme Parle sind mit ihrer quasi Grünenhymne vertreten, ein politischer Song, keine Frage. Renan Luce, bekannt vom Vorgängersampler, wirft wieder einmal die Frage auf, warum der Franzosenanteil im deutschen Radio bei nahezu 0% liegt. Gleiches gilt für As de Trêfle. Wer da noch miesepetrig in der Ecke sitzt, ist selbst schuld. Die großen Entdeckungen des Samplers sind sicherlich Mélanie Pain und La Grande Sophie. Erstere ist einigen sicher als Sängerin von Nouvelle Vague bekannt, jener Band, die New Wave Stücke im Bossa Nova Sound covert. Ihr eigener Sound: Viel hat er mit ihrer Hauptband nicht gemein. Bläsersätze treffen auf Piano, Hammondorgel und ein luftig-lockeres Schlagzeug. La Grande Sophie hingegen ist etwas besinnlicher. Freilich kein Newcomer, bereits in den 90ern hatte sie einige Hits. Immer wieder erstaunlich, was man alles verpasst… Es folgt Balkan Pop mit Watcha Clan und R-Wan. Das zündet. Babylon Circus, Princess Charmeaux, Féfé und Les Gourmets erinnern den Hörer daran, dass französischer Hip Hop genauso ausgezeichnet ist, wie man ihn in Erinnerung hat. Diese Sprache bietet sich einfach für alles an, was auf Rhythmus und Wortklang basiert. Caravan Palace, nicht minder tanzbar, doch musikalisch komplett entgegengesetzt, verbinden Elektronik und Swing und was DJ Kore & Magic System feat. Khaled da aus der Musik Südafrikas machen, sollte jeder für sich selbst entdecken. Pauline Paris erinnert ein wenig an Gabby Young, zündet nur leider nicht so sehr. Auch reggaeaffine Hörer kommen auf ihre Kosten: Tiken Jah Fakoly feat. Soprano lösen sich wohlig aus dem oft zu gleichförmig klingenden Genre. Nie ganz verstanden habe ich den Hype um Manu Chao – ebenso ergeht es mir folglich mit der Musik Da Silva. Ganz nett ist es allemal. Sehr viel besser gefällt mir da schon miCkey [3d]. Elektropop mit Melodie ist immer wieder toll. Und wenn Le Tour 5 sich mit Benjamin Biolays tiefen, an Gainsbourg erinnernden Stimme verabschiedet, ist der Frankreichfreund bereits vor lauter Glück ins Koma gefallen. Zuckerschock Deluxe.
Sylvie Vartan gelang es in Deutschland nie, den Status anderer Yé-Yé-Girls wie Francoise Hardy oder Mireille Mathieu (nicht wirklich Yé-Yé) zu erlangen, obwohl sie in Frankreich eine der ersten Stars (oder besser: Der Star schlechthin) des Genres war. Vermutlich lag es daran, dass sie oftmals schlagerhafte Songs sang und stimmlich nicht so stilsicher agiert wie ihre Kolleginnen. Genau das ist auch das Problem des aktuellen Albums Soleil bleu. Zwar von Hochkarätern wie Keren Ann Zeidel, Benjamin Biolay und Frédéric Botten komponiert und mit Gastbeiträgen von Arthur H, Doriand und Nouvelle Star Gewinner Julien Doré versehen, bleibt leider nur ein mittelmäßiges Album über. So schrammt J’fais la moue nicht nur am Schlager, es ist einer. Andere Titel sind Topkompositionen, haben aber durch Vartans beschränkten Gesang keine Chance, auf emotionaler Ebene zu punkten. Zu empathieresistent klingt ihr Organ. Doch insbesondere die Duette retten die Scheibe, denn diese wirken vor allem cool. Wer jüngst das Duett von Emmanuelle Seigner und Roman Polanski gehört hat, weiß was ihn erwartet. Die zwei wohl besten Songs sind indes Tous ces garcons und La vanité; Ersteres überzeugt durch eine fantastische Bass-Piano Kombination, Letzteres ist von Benjamin Biolay, was auch deutlich auffällt. Schade, dass Keren Ann die Stücke nicht für ihr neues Album aufgehoben hat.
Raphael ist ein in Frankreich hochgelobter Musiker, dessen Album Pacific 231, aufgrund des Erfolgs in der Heimat, nun auch in Deutschland veröffentlicht wird. Ist die Frankreichecke der Plattenläden hierzulande deutlich feminin geprägt, mit Sängerinnen wie Rose, Berry oder Francoiz Breut herrscht bei den Herren eher Leere. Lediglich Benjamin Biolay und selten, ganz selten, Serge Gainsbourg stehen dort zwischen einer gefühlten weiblichen Übermacht. Völlig zu Unrecht, wie man behaupten darf! Sicherlich ist Raphael kein neuer Serge Gainsbourg, auch kein Benjamin Biolay, aber sicher ist er es wert, entdeckt zu werden. La Petite Misère zeigt sein Talent für lockere Melodien (die leider manchmal von zu sperrigen Arrangements dominiert werden), Le Patriote ist locker-fluffig, fies getextet und in Dharma Blues sind orientalische Einflüsse hörbar. Mit Pacific 231 legt Raphael ein Album vor, das nicht vollkommen überzeugt (so hat man Arrangements wie in Terminal B schon zu oft gehört) aber durchaus einige Highlights zu bieten hat. Lediglich seine Stimme wirkt im Vergleich mit Benjamin Biolay etwas limitiert.
KAD gelingt es auf Lettre À Marianne, den Hörer auf eine Reise mitzunehmen, die ihn über 11 Songs vergessen lässt, wo er sich im Moment eigentlich befindet. Französischer Dixie (Pas Le Temps) trifft auf Gypsy Chanson (Ma Fille Coquine, Je T’Aime Si Fou) und Stücken, die direkt aus dem Soundtrack zu Chocolat (mit Juliette Binoche und Johnny Depp) stammen könnten (Mon Père à Moi). Auch Film Noir findet sich hier, wie Je Sais beweist. Ja, der frankophile Nostalgiker kommt voll und ganz auf seine Kosten. Zusammengehalten wird der Stilmix durch einen warmen, live im Studio eingespielten Sound. Stilmix? Nein, eigentlich kann man davon nicht sprechen, denn man hat nie das Gefühl, ein Stück würde nicht ins Gesamtkonzept passen. Ein wenig erinnert mich KAD an Benjamin Biolay, der konsequent macht, was er will und den Hörer am Ende zufrieden zurücklässt – oder auch an Louis Armstrong, dessen Interpretationen immer eine Wärme anhaftet, die unvergleichbar ist. Ein Album, dem man seine Zeit schenken muss, aber bei dem keine Minute verschenkt ist. Das Sommerloch ist wohl endgültig vorüber…