Studierst du noch oder lebst du schon

(Review) Tiphaine Rivière – Studierst du noch oder lebst du schon?

Studierst du noch oder lebst du schon?

Jeanne Dargan arbeitet als Lehrerin an einer Problemschule und hegt nur einen Wunsch: Endlich als Promoventin akzeptiert zu werden. Eine Arbeit über Kafka will sie verfassen, eine, die ihr einen Ruf als herausragende Wissenschaftlerin einbringt. Anfangs hoch motiviert stößt sie schnell an die Grenzen ihrer eigenen Belastbarkeit, denn auf eine weitere Promotionsstudentin wartet niemand. Weder die extrem entspannte Sekretärin des Promotionsbüros, noch ihr Doktorvater selbst, dem die eigenen Studenten eine Last geworden sind.

Ohne Stipendium versucht Jeanne, ihr monströses Unterfangen mittels eines akribischen Arbeitsplans zu bewältigen. Doch sobald ein Problem überwunden scheint, steht sie vor immer neuen Aufgaben – und die beziehen sich nicht immer nur auf den zu schreibenden Text, der stetig neue Forschungsfelder eröffnet. Eine Sisyphusarbeit.

Vom (Über-)Leben einer Studentin

Studierst du noch oder lebst du schon? Eine Frage, die sich sicher viele Studenten stellen, besonders jene, die, wie Jeanne Dargan, an einer Promotion arbeiten. Tipaine Rivières Roman orientiert sich dabei lose an ihrer eigenen Geschichte, denn auch sie begann mit einer Promotion, die sie nach drei Jahren jedoch aufgab. Es entstand erst das Blog Le bureau 14 de la Sorbonne, der Debütroman folgte und Studierst du noch oder lebst du schon? wurde zum Überraschungserfolg.

Rivières großartige Erzählung gelingt es, den Alltag eines Promovenden pointiert zu dokumentieren. Die Hürden der Bürokratie (nicht umsonst trägt das Verwaltungsgebäude/Prüfungsamt vieler Universitäten den von Asterix erobert Rom entlehnten Spitznamen „Haus, das Verrückte macht“), der Alltag als Universitätsdozent, der erste wissenschaftliche Vortrag oder das Unverständnis der Familie werden voller Witz und zeichnerisch-erzählerischem Elan dokumentiert. Ihre Schilderung der ersten Vorlesung etwa deckt sich auf wundersame Weise mit den Erfahrungen vieler Dozenten und Studenten: Während Studenten sich vor allem um den eigenen Schein/die Seminararbeit sorgen, wird besonders der übermotivierte Seniorstudent schnell zum Problem.

Oder die Familie: Wie erklärt ein Promovend der Literaturwissenschaft seiner Verwandschaft, was er eigentlich den ganzen Tag macht? Und wenn dann noch ein weiteres Familienmitglied promoviert – zu allem Überfluss auch noch in einem naturwissenschaftlichen Fach zu einem nachvollziehbaren Thema – stößt das Verständnis schnell an die Grenzen. Das Leben der anderen Freunde schreitet natürlich unweigerlich voran. Es mehren sich die Hochzeiten, manch einer wird schwanger und das ‚richtige‘ Leben scheint an einem vorbeizuziehen.

Fazit

Tiphaine Rivière berichtet, herrlich überspitzt, aus diesem Leben, zeigt Verständnis für die Probleme ihrer Figuren, reflektiert ihre Beweggründe und behält doch immer Jeanne im Blick, die mit voranschreitender Studienzeit zusehends verwildert, sich zu einer Exzentrikerin wandelt und einzig für ihre Arbeit lebt. Ihr Gespür für komische Situationen (z.B. ein Besuch im Supermarkt, Familienfeiern) zeigt sich vielfältig und wurde auch zeichnerisch bestens umgesetzt. Tagträume, Isolation in Menschenmengen etc. werden auf wunderbare Weise illustriert, komplexe Themen (z.B. Strukturierungsversuche der Dissertation) nicht mit Worten sondern zeichnerischen Experimenten dargelegt.

Studierst du noch oder lebst du schon? weckt Erinnerungen an Joann Sfar (Vampir), Charles M. Schulz (Peanuts) aber auch an Sarah Andersens Adulthood is a Myth, wobei der hiesige Rezensent deutlich Riviére bevorzugt. Ein hervorragender Comic von einer Autorin, die wir bereits jetzt ins Herz geschlossen haben.

Erschienen beim Knaus Verlag. Zur Verfügung gestellt via Bloggerportal.

–> Leseprobe etc.

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Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil. Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.

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