Phil Collins

(Review) Phil Collins: Face Value & Both Sides

Phil Collins, vielgescholtener Popmusiker, grandioser Schlagzeuger (neben Genesis z.B. auch bei Brand X), Gastmusiker bei Anthony Phillips, zweiter Frontmann bei Genesis. Man konnte ihm einfach nicht entkommen. Irgendwann war er dann auch noch ständig im Fernsehen oder im Kino; In den 1980er Jahren war er so omnipräsent, dass viele Menschen einen regelrechten Hass auf den Musiker entwickelten. Dabei hatte er einfach nur Spaß an seinem Job und nahm die Angebote an, die er bekam. Sein Stern sank. Immer wieder ging es auch privat bergab. Zuletzt war z.B. zu vernehmen, dass Collins auf einem Ohr beinahe taub sei, an einem Nervenleiden erkrankt sei und wohl nie wieder Schlagzeug spielen könne. Depressiv soll er gewesen sein, manch einer sprach von Vereinsamung. Und plötzlich ist er wieder da. Als sei er nie weggewesen. Sogar über ein Bühnencomeback soll er nachdenken. Da kommen die Re-releases seiner Alben Face Value und Both Sides gerade recht.

Wir erinnern uns: War Face Value ein großer Wurf, wurde Both Sides weitestgehend ignoriert. Doch dazu später mehr. Immer wenn ich, Jahrgang ’83, Collins höre, muss ich daran denken, wie großartig ich ihn damals fand. So kann ich mich noch genau daran erinnern, wie ich mir in der Stadtbibliothek We Can’t Dance auslieh und völlig unverhofft eine Gänsehaut bekam, als Collins in Driving The Last Spike die Zeilen „We came from the north“ sang. Doch dann wurde auch ich dem Mann überdrüssig. Zu oft war er im Radio zu hören, zu durchschnittlich wurden seine Alben.

Erst als ich Genesis wiederentdeckte und die alten Schlagzeugpassagen genau studierte, als ich entdeckte, wer bei III von Peter Gabriel neben Jerry Marotta noch an den Drums saß – als ich vor allem Brand X hört … da wurde mir schlagartig bewusst, wie sehr man Phil Collins unterbewertet. Man denke an den denkwürdigen Auftritt mit The Musical Box: Collins verliert einen Drumstick und doch gelingt es ihm, eine wahnsinnig schwierige Passage fehlerfrei zu Ende zu trommeln. Und dann gab es diese Bilder. Der Musiker, den so viele Menschen vor allem als Clown wahrnahmen, der mit wenig aufwand ein ganzes Stadion zum Lachen bringen konnte – schien ein gebrochener Mann zu sein. Ein seltsames Gefühl. Wie konnte ein so grandioser Musiker, der den Menschen so viel Freude schenkte, so missverstanden werden?

Phil Collins im Studio

Photocredit by Patrick Ball & Martin Griffin

Hört man nun Face Value, so klingt das Album selbst heute noch wahnsinnig frisch. In The Air Tonight oder Hand in Hand – sie haben nichts von ihrer Frische verloren. Dann die Idee, den Genesis-Song Behind The Lines völlig neu aufzunehmen! Mit Bläsersatz. „Wenn die Band nicht will, muss ich es wohl allein machen“, muss er sich gedacht haben. Ja, Face Value war immer sein bestes Werk. Es verband Genesis, Gabriel und Collins-Trademark-Sound miteinander, war düster und doch tanzbar. Ein wahres Meisterwerk. Auf der Bonusdisk finden sich jedoch noch größere Schätze: Liveversionen, Demos von Genesis-Songs (!), ein Demo mit Eric Clapton (!!) – hier kommen Fans auf ihre Kosten, obwohl die Tonqualität teilweise grenzwertig ist. Was den Fan aber nicht stört.

Both Sides hingegen wurde nicht ganz grundlos übersehen. Zwar hört es sich heute deutlich besser an, als man es in Erinnerung hat, doch fehlt dem ebenfalls recht depressiven Werk der Spannungsbogen. Viele Songs klingen einfach zu entspannt, zu sehr nach dem, was man gemeinhin mit Collins verbindet (und darüber hinaus sind die Songs oft viel zu lang). Aber dann sind da die Highlights des Albums. Both Sides Of The Story wäre so ein Song. Hier wird wieder einmal deutlich, wieviel Peter Gabriel in Phil Collins steckt. Stimme, Sound – das erinnert doch sehr an den einstigen Bandkollegen. Gated Drums? Check. Ethnoinstrument? Check. Große Ähnlichkeit in Aufbau und Melodie mit Biko (minus Ethno-Chor)? Doppel-Check. Aber der Song macht Spaß. Eine Hymne von der Stärke eines In The Air Tonight. Für mich die Wiederentdeckung der Re-Releases. Can’t Turn Back The Years? Typisch entspannter Collins-Coitus-Song. Ich mag ja diese Synthesizerflächensounds, die Drummachine und dazu die wunderbare Stimme. Oder Survivor: Auch hier wieder dieser wuselige Sound, den Collins so oft nutzt, um Rhythmen zu erzeugen. Vielleicht macht auch gerade das Both Sides so interessant: Zwar hat das Album seine Fehler, aber Collins hat hier doch wirklich alles selbst gemacht. Somit hört man hier 100% die Seele des Musikers. Kein anderer Input, keine verwaschenen Ideen. Ich finde das sehr faszinierend. Zum Vergleich finden sich dann auf der Bonus-CD erneut Demos, Liveversionen uvm. Collins stellt hier also Bandinterpretationen Solosongs gegenüber und so kann der Musikfan wunderbar nachvollziehen, welcher Einfluss von einer Band ausgeht, wie sich die Stücke verändern.

Alles in allem lege ich die neuaufgelegten Alben jedem Musikfan ans Herz, der Phil Collins nicht mag. Hier gibt es viel zu entdecken, vorausgesetzt man hört mit den Ohren und mit dem Herzen. Die Idee, alte Plattencover neu aufzunehmen finde ich zwar irgendwie interessant, dennoch wäre das Originalartwork wünschenswert gewesen. Da bin ich dann doch sehr konservativ.

Erschienen bei Warner/Atlantic.

Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil.

Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.

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2 thoughts on “(Review) Phil Collins: Face Value & Both Sides

  1. „Collins-Coitus-Song“ 😀
    Ich mag Collins, aber mir fällt auf, dass ich auch lieber die alten Songs mag. (Letztens noch zufällig das Paris-Konzert von ’97 gesehen, richtig gut!) Um die „Love Songs“-Compilation mache ich seit einer Trennung vor gefühlt 100 Jahren einen Bogen. Ist auch doof, kann er aber natürlich nichts für. Und die auf Deutsch gesungen Musical-Lieder haben leider auch nicht geholfen. Vielleicht muss man Disney-Fan sein.
    Während ich Genesis noch aufarbeite, werde ich mir Face Value auch mal anhören. Ich wäre trotzdem sehr auf ein Comeback gespannt!

  2. Sein Tarzan-Album mag ich auch gar nicht. Außer vllt. „You’ll be in my heart“. Den Platz der „Love Songs“ nimmt bei mir übrigens Didos Debüt ein.
    „Face Value“ ist sein bestes Soloalbum, da geht kein Weg dran vorbei. Ansonsten sind seine Schlagzeugspuren auf „Lamb Lies Down“, „Trick“ und „Wind And Wuthering“ ziemlich krass.

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