Jethro Tull

Review: Jethro Tull – Too Old To Rock ‚N‘ Roll – Too Young Too Die!

Und weiter geht es in der Re-Issue-Reihe von Jethro Tull. Nach einigen eher (in verpackungstechnischer Hinsicht)  lieblosen Veröffentlichungen begann man ab Thick As A Brick damit, ein Mediabook zu jedem Album zu veröffentlichen. Mit A Passion Play ging man noch einen Schritt weiter und versah jedes Seit nicht nur mit einer 1 CD / 1 DVD Kombination, sondern erhöhte auf 4 Datenträger. So auch beim 1976er Album Too Old To Rock ’n‘ Roll: Too Young Too Die. Vorweg möchte ich anmerken, dass mir die Alben von WarChild bis einschließlich Too Old To Rock ’n‘ Roll unbekannt waren. Man kannte sie dem Namen nach, auch die Hits waren von zahlreichen Kompilationen bekannt, aber das ganze Album wurde nie gehört.

Für mich von besonderem Interesse: der Comic des Watchmen-Zeichners Dave Gibbons, der hier gut lesbar abgedruckt wurde. Gibbons war 1976 noch in der Undergroundszene tätig, war zudem kein Jethro Tull Fan, verdankt ihnen aber den ersten Bekanntheitsschub. Aus der Sicht eines Comicforschers darf man mit Fug und Recht behaupten, dass der Comic durchaus verzichtbar wäre und tatsächlich nur in Kombination mit dem Album wirklich funktioniert. Die Story wurde sehr schlicht gehalten und es wird kurz erwähnt, zu welcher Situation die Songs passen. Eher Storyboard für das einst geplante Musical (!) als eigenständiger Comic. Für Gibbons Fans natürlich dennoch unverzichtbar. Schön gemacht ist er allemal. Überdies sind Konzeptalben mit Comics eine Seltenheit.

Jethro Tull TV Show

Photocredit by WME

Nun aber zum Album. Anzumerken sei, dass es sich hier nicht um das Original handelt – die Originalbänder waren größtenteils nicht auffindbar – sondern das TV Special von 1976. Hört sich übrigens fast so an, wie das Originalalbum (man findet es auf CD 2 als Flat-Transfer). Für mich die beste Arbeit seit A Passion Play. Anderson findet hier zu seiner alten Spielfreude zurück und überzeugt mit Songs wie Quiz Kid, Salamander, Taxi Grab (endlich mal wieder bluesige Passagen!), Pied Piper, From A Dead Beat To An Old Greaser und meinem neuen Bandfavoriten The Chequered Flag (Dead Or Alive). Besonders hervorzuheben sind tatsächlich die großartigen Balladen. Selten klang Anderson besser. Seine damals großartige Stimme, eine großartige Instrumentation wie wir sie bereits von Requiem kennen … ganz starker Stoff. Too Old To Rock ‚N‘ Roll durchzieht eine unglaubliche Stimmung. Die Einsamkeit des Protagonisten Ray Lomas spiegelt sich in der Musik. Sei es im berühmten Saxofonsolo von Deadbeat oder dem Solostück Bad Eyed And Loveless. Wenn schließlich The Chequered Flag (Dead Or Alive) erklingt, eine hymnenhafte Ballade, wie sie Anderson seither nie wieder hinbekommen hat, endet ein sehr gutes, sehr emotionales Album. Eine singuläre Stimmung im Jethro-Tull-Kosmos. Too Old To Rock ‚N‘ Roll wird völlig zu Unrecht immer wieder übersehen.

Jethro Tull Promoshoot

Photocredit by WME

Aber auch die Bonus CD/DVD hat es in sich. Da wäre das TV Special in Surround Sound. Anderson und Evans beweisen ihr schauspielerisches Talent (letzterer erinnert immer wieder an Eric Idle) und die Inszenierung des Albums geriet durchaus geschmackvoll. Lediglich die Bildqualität enttäuscht etwas. Da hätte man sicher einiges optimieren können. Aber was beklagt man sich? Es handelt sich um einen Bonus. Durchwachsen – aber durchaus Interessant – sind die Bonustracks. Salamander’s Rag Time überrascht mit Backgroudnvocals von Maddy Prior, es wird aber auch deutlich, warum einige Stücke nicht auf dem Album landeten. Für Tull Fans natürlich trotzdem mehr als anhörbar, für den Spannungsbogen des Albums jedoch ungünstig. Trotzdem überrascht die lockere Albernheit einer Komposition wie Strip Cartoon oder das beatleesque Salamander’s Rag Time. Für Heavy Horses Fans (jenes „Pferdealbum“ aus Karen Duves Dies ist kein Liebeslied) interessant: eine erste Version des großartigen One Brown Mouse. Immer wieder schön: Eine Demoversion des Titelstücks.

Über die fantastische dokumentarische Ausstattung der neuen Jethro Tull Ausgaben habe ich an anderer Stelle bereits viel geschrieben. Auch hier gibt es wieder sehr viel zu lesen. Das Gespann Wilson/Anderson lässt sich nicht lumpen und man weiß, was die Fans sich wünschen. Eine unverzichtbare Edition.

Erschienen bei Warner / Chrysalis. Seite der Band.

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Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil. Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.

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