Yes Highlights from 72

Yes – Progeny. Highlights From Seventy-Two

Yes? No. No, no no. Zumindest 10 Jahre lang. Es ist tatsächlich fast 10 Jahre her, da ich das letzte Yes Album hörte (Relayer) und die Platte anschließend nicht wutentbrannt in die Ecke gepfeffert habe. Yes, da müssen wir uns nichts vormachen, war eine der grundlegenden Bands des Progressive Rock. The Yes Album, Fragile, Close To The Edge, Tales From The Topographic Ocean und Relayer gehören zum Kanon des Prog, sind (wie man auch zu Tales und dem m.E. zerfahrenen Fragile stehen mag) stilprägende Klassiker  des Genres.  Es folgten einige streitbare Alben (Drama, Tormato) ehe man mit Owner Of A Lonely Heart tatsächlich einen 80er Jahre Pop-Hit landeten. Ich möchte behaupten, dass es ab 90125 steil bergab ging. Das Album selbst war nicht das Problem, denn es bietet einige wunderbare Songs, hat seine Stärken, wenn es sich auch von der einstigen Ausrichtung der Band entfernt hatte. Aber das kannte man in den 1980er Jahren ja bereits von Genesis und *hust* Emerson, Lake & Palmer. Problematisch war natürlich, dass die Plattenfirma Yes nun als Goldesel Popband sahen und erwarteten, dass der Singleerfolg irgendwie wiederholt wird. Haben sie bis heute nicht geschafft. Was jedoch gelang war die völlig Dekonstruktion einer ehemals grandiosen Band. The Ladder? Magnification? Heaven & Earth? No, no, no. DIe Luft war raus. Zuletzt hat man Yes mit Wakemans Sohn an den Keyboards gesehen, hinzu kamen erst ein Yes-Coverbandsänger, dann ein Yes-irgendwie-Klonbandsänger. Auftritte auf Kreuzfahrtschiffen, nachlassende instrumentale Fähigkeiten (aber die Pflicht, das alte Material spielen zu müssen) führten zu langsamen, kraftlosen Versionen der großen Stücke. Von der einstigen Band blieb nur noch ein Name. Eine Hülle mit wechselnder Besetzung. Lediglich Chris Squire galt als Konstante, die nun, aufgrund einer Erkrankung an Leukämie (Gute Besserung!), aussetzen muss. Man munkelt sogar, dass lediglich Steve Howe tatsächlich noch Lust hat / die technischen Fähigkeiten besitzt, Progressive Rock zu spielen … (und so sind es auch seine Solo-Stücke, die auf den letzten Alben positiv überraschten).

Da trifft es sich doch vorzüglich, dass die Tapes der Amerika-Tour von 1972 auftauchen sollten, als die Band noch eine Institution war. Klar, man mag sich fragen, wer tatsächlich 7 Konzerte sein Eigen nennen mag, die von der Setlist her alle identisch sind. Abgesehen vom gewohnt schönen Roger Dean Artwork will mir der Mehrwert für den Durschnittshörer (Musiker einmal ausgenommen) nicht einleuchten. Aber zum Glück gibt es eine Best-Of CD. Die Higlights der Tour. Und die hat es in sich. Klar, vieles gibt es bereits auf der fantastischen Yessongs von 1973, aber man ist ja Fan, soundtechnisch gibt es neue Möglichkeiten und ganz identisch ist die Setlist ja nun auch nicht.  Um es kurz zu machen: Progeny sticht positiv aus dem Veröffentlichungswahn der letzten Jahrzehnte heraus. Gutes Material, guter Klang, Yes auf dem Höhepunkt ihrer Fähigkeiten (man kann jetzt darüber streiten, ob Alan White und Bill Bruford ebenbürtig sind – hiesiger Autor gehört zum Team Bruford) und ein schönes Cover. Aber da gibt es auch die Schattenseiten der Yes’schen Veröffentlichungspolitik: Wir finden im Booklet kein einziges Foto der Band (!), dafür aber eine exakte Beschreibung, wo jeder Musiker gestanden hat (!). Absurd. Doch das Release ist zu gut, um tatsächlich über so eine Banalität zu meckern. So gut separiert hat man die Band noch nie gehört. Und wie bereits angedeutet: EIne Band auf dem Höhepunkt ihres Könnens. Anderson perfekt bei Stimme, Wakeman flink wie immer, Squire präzise und melodisch, White noch weit entfernt vom rumgeholze eines Magnification und Howe ist – wir schrieben es bereits – über jeden Zweifel erhaben. Bis heute. Für Progeny gilt also: Yes. Yes, yes yes.

Erschienen bei Atlantic / Rhino / Warner.

Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil.

Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.

Wenn dir der Artikel gefällt, wirst du mein Buch lieben: The Beach Boys - Pet Sounds

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