Miss Li – Tangerine Dream vs. Andrew Collberg – Minds Hits

Miss Li

Manche Alben eigenen sich einfach zum Direktvergleich. Miss Li und Andrew Collberg sind zwei (Exil-)Schweden, die vor allem von den Beatles beeinflusst wurden, ihren Stil pflegen, nicht bloß das Klangbild übernehmen, sondern auch einprägsame Melodien schreiben. Miss Li gelang es dabei, immer wieder unter meinem Radar zu fliegen, was vor allem an ihrem zunehmenden Einsatz als Werbemusik (Apple, Stylight) und im Trash-TV (Promi-Big-Brother) liegt. Insbesondere der Trash-TV-Einsatz sorgte dafür, dass ich ernsthaft überzeugt war, es handele sich bei der dort singenden Frau um eine andere Musikerin gleichen Namens. Denn Miss Lis Tangerine Dream ist bei weitem anspruchsvoller als das Format, in dem man die Songs des Albums zuletzt hörte (bzw. nicht hörte, was mich betrifft). Einerseits halten sich Stücke wie Teenager For Life ein bisschen zu sklavisch an die großen Vorbilder, andererseits sorgen sie für einen erheblichen Spaßfaktor. Plastic Faces, Golden Retriver und My Heart Goes Boom begleiten den Hörer tagelang, und konnten nur durch Soeur Sourires Dominique vertrieben werden. My Heart Goes Boom und All Those Men zeigen Miss Li so, wie wir sie noch aus Dancing-The-Whole-Way-Home-Zeiten kennen: Weniger von den Beatles als von Teenagerpop der späten 1950er und Jazz beeinflusst. Ein Sound, der ihr sehr gut steht und mehr zu bieten hat, als Mitsingmelodien.

Minds Hits

Auch Andrew Collberg bleibt seinem Stil treu. Allüberall Beatles, wohin man auch hört. Ähnlich wie Miss Li setzt auch der Exilschwede im fernen Arizona auf einprägsame Melodien und Hooks. Der große Unterschied liegt sicherlich in den Produktionskosten begründet, denn Minds Hits entstand im Heimstudio, was man dem Album aber nicht negativ anhört. Vielmehr spürt man eine gewisse künstlerische Freiheit, die bei Miss Li unter einem Wust an Instrumenten begraben liegt. Im Gegensatz zu On The Wreath entstanden die meisten Songs nicht mehr länger an der Gitarre, sondern am Piano. Seltsamerweise sind seine Stücke so weniger balladesk, was mir als Musiker, dem es kompositionstechnisch genau andersrum ergeht, ein Rätsel. Im Großen und Ganzen klingt Minds Hits positiver als Tangerine Dream, die Melodien sind intelligenter, weniger aufdringlich. Überdies fällt vor allem Collbergs Stimme ins Gewicht, die im Gegensatz zu Miss Li weitaus weniger hochfrequent ausfällt und auch nach mehreren Hördurchläufen immer noch weich und samtig erscheint.

Alles in allem handelt es sich sowohl bei Tangerine Dream als auch bei Minds Hits um gute Alben. Der potentielle Käufer muss nun selbst entscheiden, ob er sein Geld lieber für das poppigere Miss-Li-Album oder das beständige Andrew-Collberg-Werk ausgeben will. Wirklich falsch macht man mit beiden nichts.

Miss Li: 

Rating: ★★★☆☆ 

Andrew Collberg: 

Rating: ★★★★☆ 

Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil.

Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.

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