Interview mit Sebastian Lohse zum Album „Erfolg!“

Sebastian Lohses Album „Erfolg!“ entwickelte sich in der hiesigen Redaktion zum Überraschungsalbum 2010. Mit Stilistischer Vielfalt und lyrischem Tiefgang überzeugt der Dresdener auf ganzer Linie.

Sebastian Lohse & Die Feine Gesellschaft
Photocredit by Michel Hinrichsen

Von „Letzte Instanz“ über „Cohen.live“ bis zum Sound des aktuellen Albums „Erfolg!“ – War der Wechsel vom härteren Rock hin zur Singer-/Songwritermusik eine bewusste Entscheidung?

Die musikalische Entwicklung eines Künstlers hängt natürlich mit vielen Dingen zusammen. Mit dem Alter, womit man sich beschäftigt, mit welchen Menschen man es da zu tun hat usw. Ich habe irgendwann begonnen, mich mehr mit Texten und Inhalten auseinanderzusetzen und so ist die Musik natürlich textlastiger geworden. Das könnte man vllt. als Entwicklung festmachen. Andererseits haben sich meine musikalischen Vorlieben letztendlich gar nicht so sehr geändert. Ich höre und mache immer noch gerne Rockmusik. Ich versuche das jeweilige Thema adäquat umzusetzen und zu verdeutlichen, was ich ausdrücken will. Das gestaltet sich bei mir dann eigentlich recht vielfältig und deshalb ist meine Stilistik – oder die jeweiligen Mittel, die ich da auf musikalischer Ebene verwende – auch ganz breit gefächert! Also ich würde jetzt z. B. nicht sagen, dass ich mich nur in der Liedermacherschublade vergreife, sondern eben auch Rock-, Pop-, Chanson- und Klassikelemente nutze.

„In Medias Res“ war dann ein Zwischenschritt? Da hast du doch noch recht wenig geschrieben, oder?

Weniger als jetzt aber auch schon mehr als die Hälfte. Ich habe vor allem fertige Texte, z.B. Gedichte des Lyrikers Andreas Reimann vertont. Bei der „Erfolg!“-CD die Texte zu „Männer vor halbvollen Gläsern“ und „Keine Pille“ von jemand anderem, und zwar von Werner Karma, dem „Silly“-Poeten. Bei „In Medias Res“ hatte ich durchaus Unterstützung, vor allem von Thea Elster, mit der ich eng zusammengearbeitet habe. Die hat mir auch damals bei den „Letzte Instanz“ – Texten zur Seite gestanden. Bei meiner Premiere führte sie Regie.

Du sprichst Thea Elster, deine Schauspiellehrerein an. Hatte dein Schauspielunterricht einen großen Einfluss auf die neue Musik?

Insgesamt: Ja! Thea Elster hat generell einen großen Einfluss auf mich ausgeübt, weil sie meine Mentorin war und mir viele Grundlagen und Methoden vermitteln konnte. Ich habe das alles viele Jahre mit ihr zusammen entwickelt. Das merkt man ja auch an der ersten CD „In Medias Res“, die, wie gesagt, unter ihrer Regie entstand.

Wie ist es denn zu deiner musikalischen Eigenständigkeit gekommen? Also weg von „Letzte Instanz“, die ja relativ erfolgreich sind, hin zu deinen eigenen Sachen, in eine Musikrichtung, die ein kleineres Publikum anspricht?

Man kennt das ja von vielen Musikern: Wenn sich bestimmte Bands aufgelöst haben machen die Mitglieder hinterher genau die gleiche Musik wie vorher. Aber für mich ging es gar nicht drum, irgendwas kommerziell erfolgreiches nachzumachen. Viel wichtiger war mit der andere, der nicht-kommerzielle Erfolg. Den kann man ja leider schlecht messen, insbesondere was die musikalisch-lyrische Qualität angeht … Ich wollte mich natürlich mit dem, was ich dann selber gemacht habe, vor allem selbst ausdrücken, mich einfach künstlerisch selbst finden. Das alles ist eine musikalische Findungsphase, ein Weg, wo alles seinen Sinn ergibt. Die „Letzte Instanz“ hat genau so viel damit zu tun, wie die Leonard Cohen Sachen, „In Medias Res“ oder „Erfolg!“. Die ganzen musikalischen Stationen sind Bausteine zu meinem Jetzt und für mich ist letztendlich nur entscheidend, was ich daraus mache und wie es weitergeht. Die kommerzielle Verwertbarkeit war bei dem ganzen Prozess Nebensache. Hätte ich darauf geachtet, hätte ich wahrscheinlich was ganz anderes gemacht, vielleicht eher Musik mit brachialen Gitarren, wer weiß?

Mir fällt auf, dass du dich in deinen Texten viel mit der Natur, der Massengesellschaft und der Position des Individuums in beidem, aber auch mit dem entfesselten Kapitalismus beschäftigst – wie kommt das zustande, was ist die Botschaft dahinter? Dabei möchte ich gar nicht auf eine Deutung deiner Texte pochen …

Es gibt meines Erachtens durchaus einen Konflikt in dem der Einzelne gefangen ist. Man muss sich als Mensch, als Individuum in diesem ganzen Prozess erkennen, sich behaupten und versuchen, sich dabei nicht zu verlieren. Um es jetzt noch etwas blumiger zu formulieren: „Was will ich?“, „Was bin ich?“, „Wie komme ich meiner Natur in einer zivilisierten Welt auf die Spur?“. Das ist für mich ein spannendes Thema und damit beschäftige ich mich viel.

Mich hat „Das Brunnenlied“ in seiner Gesamtaussage sehr an den Identitätsdiskurs Heinrich Heines erinnert, der sich in der „Nordsee“ mit ähnlichen Aussagen beschäftigt. War das eine direkte Inspiration?

Heines „Nordsee“ gar nicht! Das muss ich mir dann aber mal durchlesen! „Das Brunnenlied“ hängt eher mit der alten deutschen Schwankliteratur zusammen. Es gab ja vor vielen hundert Jahren eine Art Weiterentwicklung der Fabel. Aus dem Leben der einfachen Menschen wurden bestimmte Ereignisse oder Parabeln geformt, die man heute in sehr kurzer Form z.B. im Sprichwörterbuch findet. Viele kleine gesammelte Geschichte und Weisheiten. „Das Brunnenlied“ stammt eher aus dieser Richtung. Sprichwörter und Schwänke, der darin enthaltene Volkswitz, gefallen mir erstens sehr gut und zweitens denke ich, steckt da meistens wirklich viel „Gebrauchswert“ dahinter, was einem selbst heute noch ganz gut dienen kann.

Ich höre Musik ja immer nach zwei Maßstäben, also die Melodien, die bei dir ja sehr reichhaltig sind, und dann vor allem auch der Text, die Lyrik. Bei dir fällt auf, dass deine Texte sehr vielschichtig sind. Nimm „Chloris oder dir Göttin der blühenden Natur“ – man denkt eingangs, dass es ein schönes Liebeslied ist und plötzlich merkt man, dass es als solches nicht vollständig funktioniert. Dann eröffnet sich eine zweite Ebene und die Bedeutung offenbart sich.

Das ist ja auch das Schöne – ich freue mich sehr, wenn sich jemand mit meinen Liedern beschäftigt! Bei „Chloris“ es für viele auf den ersten Blick einfach. Man muss dann immer erklären, dass es so doch gar nicht gemeint ist, oder es besser gesagt noch eine andere Ebene gibt. Letzten Endes geht es mir selbst auch so, also ich meine, wenn ich irgendeine Geschichte höre oder einen Film sehe, habe ich mehr Freude dran, wenn ich im Nachhinein auch mal was entdecken kann und es mir ein zweites Mal angucke und noch mehr entdecke.

Ich halte das für enorm wichtig, denn in der aktuellen Songwriterszene sind die Texte doch oft relativ platt. Ist es für dich denn komplizierter, Texte zu schreiben oder hält sich das die Waagschale mit der Musik?

Ja, viele Texte sind einfach eins zu eins. Ich bin ja ein alter Andre Heller Fan und dessen Texte kann man sich ruhig öfter anhören, der war sehr vielschichtig. Obwohl es auch andere Liedermacher gibt, die gut texten können, das steht ja außer Frage. Wenn ich meine Songs schreibe und sowohl für den Text als auch für die Musik verantwortlich bin, ist der Text meistens schwieriger zu fassen. Ich lese wirklich viel, suche immer wieder neue Dichter, versuche da was zu vertonen, aber da besteht eben die Schwierigkeit, dass Texte mir selbst natürlich auch entsprechen müssen. Nicht zuletzt muss man das Geschriebene auch singen können. Eine Gradwanderung. Die Texte zu schreiben fällt mir also schwerer, weil ich zwar einen gewissen Anspruch habe und ein gewisses Niveau schätzen gelernt habe, es trotzdem ja nicht verkomplizieren möchte, denn ich suche nach dem einfachen, was man dennoch schwer ausdrücken kann. So sind die musikalischen Ideen für meine neue CD mehr oder weniger gesammelt und jetzt quäle ich mich mit den Texten. Und das dauert.

Du hast Andre Heller erwähnt – Siehst du dich denn in der Tradition von Hannes Wader, Reinhard Mey oder Konstantin Wecker, den traditionellen Liedermachern?

Ich hege für die auf jeden Fall Sympathie, obwohl ich nie versucht habe, sie zu kopieren. Zu Konstantin Wecker habe ich persönlich Kontakt und der erste Gedichtband, den ich geschenkt bekam, war von ihm. Reinhard Mey ist mir vor allem aus meiner Kinderzeit bekannt – bei Konstantin Wecker war das schon eher ein küstlerisches Interesse. Er ist ein sehr guter Dichter, ein toller Liedschreiber, den ich als Mensch bewundere, den ich aber, wie gesagt, nicht kopieren möchte.

In wenigen Tagen hast du ein Osterkonzert mit deiner Band – Wie wird das aussehen? Macht ihr da irgendwas anders als sonst?

Wir hüpfen dann als Osterhasen über die Bühne! Nein, also wir spielen unser „Erfolgs-Programm“ mit allem was dazugehört – „Erfolg für alle!“ – und mehr möchte ich eigentlich nicht verraten. Es wird auf jeden Fall unterhaltsam!

Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil.

Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.

Wenn dir der Artikel gefällt, wirst du mein Buch lieben: The Beach Boys - Pet Sounds

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