Interview mit Ödland

Unsere Stammleser haben es vielleicht bemerkt: Ödlands EP The Caterpillar ist mein persönliches Lieblingsalbum 2009. Grund genug um mit der Band über alte Photographien, Bandwürmer, das neue Album und leicht verrückte Liebeslieder zu sprechen.

Julian Auringer:

Fangen wir bei eurem Namen an. Ödland ist ein typisches deutsches Wort, das Einöde oder auch Wüste bedeutet. Wie seid ihr darauf gekommen und vor allem: Habt ihr den Namen aufgrund seiner melancholischen Onomatopoesie ausgesucht oder ging es euch um die tatsächliche Bedeutung?

Ödland:

Isabelle fand dem Namen in einer alten Skandinavischen Legende. Der Band gefiel der Name sofort, denn er appelliert an die Vorstellungskraft und passt zu unseren Experimenten. Später entdeckten wir seine Bedeutung, die du schon angesprochen hast. Das passt doch ganz ausgezeichnet in unser Universum, denn wir pflügen verdammte musikalische Regionen, Regionen, aus denen durchaus Neues entstehen kann.

Julian Auringer:

Was erwartet uns auf eurem neuen Album Ottocento?

Ödland:

Wir haben ehrlich gesagt keine Ahnung, wie das von den Fans aufgenommen wird. Entweder es wird geliebt oder keiner wird es beachten, denn wir haben etwas Neues probiert. Es gibt 16 Stücke, zum Teil sind diese sehr komplex, dann haben wir aber auch Popsongs geschrieben. Es geht um die Vorstellungskraft, Wissenschaft, Tod, Kindheit und Liebe. Eine Hälfte des Albums hat ein Konzept. Es handelt sich um eine kleine Oper die Alice Im Wunderland thematisiert. Das Zentrum dieser Oper ist die Teeparty des Verrückten Hutmachers. Wir haben uns auch wieder selbst um das Albendesign gekümmert, mit unseren Fotos und altem Dekokram. Nicht zu vergessen die Musikvideos die passend zum Veröffentlichungstermin erscheinen werden. Ja, es handelt sich wieder um ein Gesamtkunstwerk.

Julian Auringer:

Könnt ihr mir etwas über eure Einflüsse erzählen? Lieblingsbücher, Künstler, Musik, klassische Stücke?

Ödland:

Das 19te Jahrhundert, das Zeitalter der Romantik ist im weitesten Sinne unser größter Einfluss. Die Vermischung der Künste dieser Zeit ist unglaublich! Und wir lieben Dampfmaschinen, Ballettröckchen, Telefgrafen, Franz Liszt, Dampfer, Kleider, Paris, Lewis Caroll, Bandwürmer, Erik Satie, Holzschnitte, Spielzeugteeservices Georges Bizet, Indianer, Scott Joplin, die Nacht, Maurice Ravel, Einsamkeit und Photographie.

Julian Auringer:

Wie schreibt ihr eure Songs? Wo fangt ihr an? Rhythmus, Akkordgerüste fürs Piano oder doch mit einer Melodie?

Ödland:

Normalerweise mit den Texten. Das ist sehr wichtig, damit man die richtige Stimmung fassen kann. Dann wird am Piano komponiert. Sei es eine Gesangs-, Streicher- oder Pianomelodie. Wir müssen harmonisieren, also die Melodien an Akkorde anpassen und dann folgen die Arrangements für die anderen Instrumente und Geräusche. Es gibt also Partituren. Manchmal ist alles sehr frei, wir wollen überrascht werden, manchmal halten wir uns auch strikt an die Partituren. Die Freiheit in den Partituren kann einen Song völlig verändern. Das kann bedeuten, dass wir einen Song komplett umschreiben müssen, weil er uns nicht gefällt.

Julian Auringer:

Neben der Musik fällt vor allem euer schönes, vom Steampunk inspiriertes Artwork auf, das deutlich an das 19te Jahrhundert erinnert. Nehmen wir die Fotos oder die schönen Gemälde auf eurer Myspace Seite…

Ödland:

Isabelle und ich [Lorenzo] lieben Fotografie. Die ersten Fotografien des letzten Jahrhunderts haben uns sehr inspiriert. Sie passen sehr gut zu unserer Musik; Musik und Bild sind sich sehr ähnlich. Wenn wir fotografieren und alte Techniken benutzen ergibt das ein ganz eigensinniges Flair. Ein moderner Geist.

Das EP Cover ist eines meiner Lieblingsfotos. Ich glaube es beschreibt unsere Musik sehr gut. Alizée in den Wäldern mit einer Harfe und einem schwedischen Elfenhut. Man weiß nicht, wann das Foto aufgenommen wurde. Es befindet sich in einer eigenen Zeit zwischen dem Gestern und dem Jetzt. Sie könnte ein Kind sein, das im Wald spielt und gleichzeitig ein Mensch der Romantik, verloren in einer feindlichen Natur. Wie dem auch sei, wir arbeiten an unseren Bildern und plötzlich tauchen da neue Dinge auf.

Julian Auringer:

Kommen wir zu eurer Aufnahmetechnik. Wie nehmt ihr auf? Benutzt ihr einen Computer oder ein 8-Spur Gerät? Was für Mikrofone nutzt ihr? Mischt ihr selbst?

Ödland:

Ottocento haben wir komplett in meiner [Lorenzos] Wohnung aufgenommen. Wir haben uns monatelang Zeit genommen. Wir benutzen statische Mikrofone um die kleinsten Geräusche einfangen zu können und nahmen auf unserem Computer auf, wo wir dann auch selbst abmischen. Immer gleichzeitig, ohne Overdubs und niemals getrennt voneinander. Klar machen wir auch Fehler dabei, aber das bereichert unsere Musik. Wir streben nicht nach Perfektion sondern suchen etwas Echtes, Lebendiges. Ort und Art der Aufnahme beeinflussen uns enorm.

Julian Auringer:

Habt ihr Konzerte in Deutschland geplant?

Ödland:

Wir planen gerade eine Tour zwischen London, Paris und Berlin, die im Sommer stattfinden wird. Es werden ein paar Konzerte in Norddeutschland dabei sein und wir freuen uns sehr darauf! Wir hoffen, viele Menschen zu treffen wenn wir reisen. Seltsamerweise ist unsere Musik in Deutschland mehr gefragt als in Frankreich – wir wissen wirklich nicht woran das liegt. Vielleicht ist es unser Name?

Julian Auringer:

Bitte erzählt uns doch, worum es in euren Songs auf The Caterpillar eigentlich geht.

Ödland:

The Caterpillar ist unser erster Song und wurde vom gleichnamigen Kapitel aus Alice Im Wunderland inspiriert. Es geht ums Wachsen und Schrumpfen. Die Songstruktur war ein Experiment, etwas, dass wir in den anderen Stücken imitiert haben. Les yeaux de l’oiseau ist eine Liebesgeschichte, die neben einem IKEA spielt, an den ein Wald angrenzt. Katze und Vogel lieben sich, doch finden nicht zueinander, sowas ist immer traurig. La chanson du parasit ist ein anderes Liebeslied, allerdings handelt es dieses Mal von einem Mädchen und ihrem Bandwurm, der in ihr ist und ihr Essen verschlingt. Viele Menschen haben vor diesen Kreaturen Angst aber dieses Mädchen verliebt sich in ihn. Sur les murs de ma chambre handelt von Einsamkeit und Krankheit. Jemand liegt im Krankenhaus und langweilt sich zu Tode. Also erfindet diese Person eine imaginäre Welt. Und Mathilde Rossignol handelt von einer jungen Frau, die an ihrem Geburtstag stirbt. Sie wird zum Geist und tanzt mit anderen Geistern die an ihren Geburtstagen starben. Sie schreibt überdies Briefe an ihren Freund, der noch lebt.

Julian Auringer:

Meine letzte Frage stelle ich jeder französischen Band. Wurdet ihr in irgendeiner Form von meiner Lieblingsband Magma beeinflusst?

Ödland:

Sorry dear, but we aren’t.

Wenn dir der Artikel gefällt, wirst du mein Buch lieben: The Beach Boys - Pet Sounds

Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil.

Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.