Kopfhörer-Interview mit Marianne Dissard

marianne-dissardIch treffe Marianne Dissard direkt nach ihrem Konzert, Francoiz Breut und ihre Musiker bauen die Bühne um. Es werden Plattenspieler und allerlei seltsame Instrumente verkabelt, die es in Spielzeuggeschäften zu kaufen gibt. Zwei Studentinnen kommen zu Marianne um sich mit ihr fotografieren zu lassen. Ein paar Autogramme später finden wir uns vor der Glocksee wieder, es regnet.

Julian Auringer: Marianne, erzähl uns zu erst ein wenig über dich. Wer bist du, was machst du?

Marianne Dissard: Ich komme ursprünglich aus Frankreich, wurde da geboren und lebte dort, bis ich 16 war. Dann sind meine Eltern mit mir nach Arizona, also nach Amerika, gezogen. Seit dem lebe ich da. Zwischendurch habe ich ein Filmstudium in Los Angeles absolviert.

Julian Auringer: Warst du nicht in einer Girlgroup die gegen George Bush mobil gemacht hat?

Marianne Dissard: Naja, eigentlich war das keine Girlgroup, eher ein paar Frauen, die Musik gemacht haben und die Menschen über Politik aufklären wollten. In Amerika sind die Menschen vor 4 Jahren sehr unpolitisch gewesen und haben überhaupt nicht verstanden, wie Politik funktioniert. Uns ging es darum, dass Bush nicht wiedergewählt wird und die Menschen anfangen, politisch aktiv zu werden.

Julian Auringer: Ja, das habe ich schon öfter gehört. Aber zurück zu dir. Wie bist du überhaupt zur Musik gekommen?

Marianne Dissard: Ich habe damals Filme gedreht und es gab da diese Band, die ich unheimlich toll finde, Giant Sand. Über die habe ich dann einen Film gedreht [sie zeigt mir ihre DVD „Drunken Bees“] und mit der Zeit wurden wir Freunde. Irgendwann begann ich dann damit, Songtexte zu schreiben und so führte eins zum anderen.

Julian Auringer: Einer meiner Lieblingsmusiker ist Serge Gainsbourg, den du auf deiner Myspace Seite ja auch als Einfluss auf deine Musik nennst und der wie ein Schatten über die französische Musikszene wacht. Was bedeutet er für dich?

Marianne Dissard: Serge Gainsbourg ist jemand, den ich früher gar nicht kannte. Irgendwann kam ich dann an seine Musik und die ist natürlich wahnsinnig schön. Was mir besonders gefällt, sind die Texte, dir Art, wie er Dinge beschreibt und sich ausdrückt. Texte sind für mich sehr wichtig. Die Musik muss etwas aussagen – wie gesagt, ursprünglich habe ich Songtexte verfasst.

Julian Auringer: Und wie ist im Ganzen deine Beziehung zur französischen Musik?

Marianne Dissard: Das ist relativ schwer zu sagen. Den größten Teil meines Lebens verbrachte ich in Amerika, in Arizona und da hört man ganz andere Musik. Viel Country. Das ist auch die Musik, die meine Band mag.

Julian Auringer: Also z.B. den legendären Willie Nelson?

Marianne Dissard: Klar, natürlich auch Willie Nelson, der Mann ist toll. Aber auch Johnny Cash etc. Also typisches Americana. Die Kids heute kennen davon allerdings immer weniger. Gerade Willie Nelson wird immer unbekannter, was sehr schade ist.

Julian Auringer: Naja, wenigstens kennt ihn bei euch jemand. In Deutschland ist er ein Geheimtipp, während Johnny Cash, vor allem durch den Film „Walk The Line“, sehr gehypt wurde.

Marianne Dissard: Ja, beide sind schon toll. Aber zurück zur eigentlichen Frage. Französische Musik ist durchaus Teil meiner Kultur, es ist Tradition. Sie war schon allgegenwärtig, irgendwas habe ich immer gehört.

Julian Auringer: Zum Beispiel?

Marianne Dissard: Auf jeden Fall Jaques Brel und Rita Mitsouko – die ist toll, musst du unbedingt mal hören, wird dir sicher gefallen. Sie ist wirklich unglaublich.

Julian Auringer: Werde ich tun… kannst du mir 3 Musiker nennen, die dich im Moment beeindrucken?

Marianne Dissard: Rita Mitsouko, Bonnie Prince Billy und Jaques Brel.

Julian Auringer: Hör dir unbedingt mal Scott Walker an, wenn du Brel magst. Er singt wie Brel, teilweise sogar seine Songs, aber eben auf Englisch.

Marianne Dissard: Ja, ich kenne Scott Walker. Der ist unheimlich gut. Mag ich sehr gerne.

Julian Auringer: Und wer beeindruckt dich momentan im Film?

Marianne Dissard: Auf jeden Fall Stanley Kubrick. Dann Alex Cox – schau dir den unbedingt mal an – und natürlich Jaques Tati.

Julian Auringer: Wie reagieren die Menschen auf deine Musik?

Marianne Dissard: Was meinst du denn? Wie haben die Menschen vorhin reagiert?

Julian Auringer: Ach weißt du, ich glaube sie waren verwirrt. Ich hatte den Eindruck, dass die meisten in einer Amelie Blase leben – also Menschen, die glauben, dass „Die Fabelhafte Welt der Amelie“ der Realität entspricht und Paris als Fixpunkt für ihre romantische Verklärung sehen. Menschen, die kommen, um Musik zu hören, die durch und durch französisch ist.

Marianne Dissard: Ja, du weißt sicher, was mit Blasen geschieht. Schau dir mal an, was passiert, wenn du welche in einer Colaflasche machst. Blasen zerplatzen. Und ich mache genau das, was die Menschen nicht von mir erwarten, oder? Nebenbei bemerkt mag ich den Film überhaupt nicht.

Julian Auringer: Ich auch nicht. Tja, was soll ich zu deiner Musik sagen? Dein Schlagzeuger spielt Country und Western Beats, dein Gitarrist benutzt Feedback und du singst französisch. Also bist du ganz und gar Wüstenmusikerin.

Marianne Dissard: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was Wüstenmusik ist?

Julian Auringer: Musik aus der Wüste? Keine Ahnung…

Marianne Dissard: Was die Leute wohl sagen, wenn ich auf Englisch singe? Momentan nennen sie mich Chansonsängerin aber wenn ich englisch singen würde wäre ich einfach nur die amerikanische Indiesängerin. Sowas in der Art. Schubladendenken…

Julian Auringer: Hast du schon Pläne für ein neues Album?

Marianne Dissard: Ja.

Julian Auringer: Und…

Marianne Dissard: Also, ich habe ein paar Songs geschrieben, diesmal auf Englisch. Einige sind natürlich auch französisch. Ich möchte auf jeden Fall wieder mit meiner Band arbeiten, die Jungs sind toll!

Julian Auringer: Wann wirst du es veröffentlich?

Marianne Dissard: Ich habe es noch nicht aufgenommen!!! Aber vielleicht in einem Jahr? Das könnte klappen. Ich bin im Moment nur so viel auf Tournee, was schön ist, denn ich reise sehr gerne. Wir Touren noch durch Europa, besuchen Frankreich… Danach ist dann das neue Album dran.

Julian Auringer: Wo wir schon beim reisen sind – wie gefällt dir Deutschland bisher?

Marianne Dissard: Gut.

Julian Auringer: Naja, du hast Bremen gesehen und jetzt Hannover…

Marianne Dissard: Nein, ich habe schon ganz Deutschland gesehen. Letztes Jahr war ich auch schon auf Tour!

Julian Auringer: Oha, das ist mir entgangen!

Marianne Dissard: Deutschland ist schön.

Julian Auringer: Ok… Kennst du deutsche Bands?

Marianne Dissard: Faust!

Julian Auringer: Die mag ich. Da ist auch ein neues Album erschienen, ich glaube letzte Woche.

Marianne Dissard: Ich weiß, habe ich leider noch nicht gehört.

Julian Auringer: Ich kam auch noch nicht dazu. Kennst du sonst noch Bands?

Marianne Dissard: Klar. Früher habe ich viel Nina Hagen gehört, Einstürzende Neubauten, Bauhaus… Damit bin ich sozusagen großgeworden.

Julian Auringer: Eine tolle Auswahl! Tja, jetzt sind wir fast schon fast fertig. Noch eine Frage an dich. Worum geht es eigentlich genau in deinen Songs? Magst du was für mich übersetzten?

Marianne Dissard: Also die Texte liegen der CD auf Englisch bei… Aber ich sage dir worum es geht: Liebe. Liebe in allen Schattierungen. Körperliche Liebe, Liebeskummer, erfüllte Liebe. Hast du eigentlich schon mal Francoiz [Breut] gehört? Das Konzert solltest du gleich nicht verpassen!

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Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil. Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.

3 thoughts on “Kopfhörer-Interview mit Marianne Dissard

  1. habe natürlich auch das andere konzert gesehen. leider nur halb, wegen des interviews. hätte sie auch noch interviewen können, hatte dann aber keine zeit mehr und musste los.

  2. Pingback: Marianne Dissard auf Deutschlandtournee « www.DieKopfhoerer.de

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