Formatterror, Bonustracks und Special Editions

nelly_furtado_-_manchester_arena_2007Es fing alles so schön harmlos an: Die Shakira CD „Oral Fixation Vol.2“ kam auf den Markt und als Fan freute man sich, endlich neuen Output der sympathischen Südamerikanerin in den Händen zu halten. Doch kaum war ein halbes Jahr vergangen erschien die tolle Single „Hips Don’t Lie“, die nicht auf dem Album erhältlich war – zumindest nicht auf der Erstausgabe! Die Neuauflage enthielt ihn sehr wohl. Erbost machte sich so mancher Hörer daran, einen Brief an Shakiras Management zu schreiben, doch noch ehe man auf Shakiras Website das Kontaktformular gefunden hatte, sah man einen Link, der, in Kombination mit der eingelegten CD, eben diesen Track zum Download anbot. So schön, so gut. Wenigstens erschien die Plattenfirma so nicht geldgierig. Doch möchte man als Musikfan nicht lieber eine CD in den Händen halten und nicht mit einem qualitätsgeminderten MP3 vorlieb nehmen müssen? Nun, inzwischen gibt es eine Special Edition mit beiden „Oral Fixation“ Teilen zum Preis einer CD und man könnte langsam darüber nachdenken, noch einmal zuzugreifen. Andererseits verbietet es das Prinzip. Was kommt als  nächstes? Man kauft einen leeren Rohling und lädt sich die Musik dann von der Künstlerwebpage runter?
Schon bald sollte es nämlich wirklich dreist werden. Ein sonst eher auf Italodisco spezialisiertes Label veröffentlichte die alten Platten von Stax in tollen Digipaks und so kaufte so mancher auch die Neuausgabe von Isaac Hayes oscarprämierten Soundtracks zu „Shaft“. Es gab einen Vermerk zu lesen, dass das letzte Stück leicht gekürzt sei, um zusätzliche Informationen in Form eines Datatracks auf die CD zu pressen. Tja, leicht gekürzt bedeutete: von 20 Minuten runter auf 3 und den Datatrack braucht kein Mensch. Nun, betreffende Firma hat inzwischen die Rechte am Stax Katalog verloren. Sie finden das noch nicht heftig genug? Wie wäre es dann damit:
Nelly Furtado veröffentlichte im Sommer des nächsten Jahres ihr lang erwartetes Album „Loose“, dass man als Fan auch sofort kaufte. Doch wieder einmal wurde man von der Plattenfirma über den Tisch gezogen. Gleich dreimal. Waren viele Fans bereit sich, mit ihrem neuen Sound anzufreunden (den ich übrigens ganz hervorragend finde, denn wirklich neue Elemente finden sich nur auf ganz wenigen Stücken, zum Ende der CD kehrt Nelly Furtado immer mehr zu ihren Wurzeln zurück) ging doch der Special Editionterror zu weit. Plötzlich war Miss Furtado kein Geheimtipp mehr, sondern im bitteren Tal des Mainstreams angekommen. Ihr Wunsch aus dem Album „Woah Nelly!“ („I want to hear my shit on the radio“) hatte sich bewahrheitet. Es gab kein Entkommen mehr und so folgte eine Tour, die an musikalische Selbstaufgabe grenzte (Nachzuhören und sehen auf der dazugehörigen Live CD und DVD). War das wirklich „meine“ Nelly? Hüpfend und tanzend? Wo war das sympathische Mädchen mit der Gitarre geblieben? Was folgte war eine „Special Tour Edition“. Mit 9 Bonustracks, die meisten davon Akustikversionen. Die Platte war plötzlich blau. Das ist der Moment, an dem der Fan rot (also die eigentliche Albumfarbe) sieht. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Es folgte die gelbe „Special Edition“ mit weiteren 9 Bonustracks, meines Wissens Remixes. Braucht kein Mensch. Trotzdem ist diese Veröffentlichung eine Frechheit. Wenig später erschien die Originalversion des Albums dann auf Vinyl. Hätte ich mit Handkuss gekauft, denn Vinyl ist mein bevorzugtes Format, doch inzwischen besaß ich ja die CD. Dann gab es noch die Neuauflage von „Woah Nelly!“ (auch mit unnützen Bonustracks) und die obligatorische „Pur“ Edition (ohne Booklet), für 9€. Wollen die mich verarschen? Wer glaubt denn bitte, dass ein Booklet 7€ kostet? Booklets sind bei der CD Produktion bei weitem das günstigste. Bei dieser Veröffentlichungspolitik war sofort klar, dass es nur ums Geld ging. Vorbei die Zeiten, an dem die Plattenfirma vor allem Dienst am Fan leistete.
Gleiches Schicksal sollte bald auch Amy Winehouse wiederfahren. Inzwischen habe ich den Überblick verloren, wie viele „Frank“ und „Back To Black“ Editions es gibt. Gleiches gilt für Duffy. Traurig daran ist, dass die Künstler unter der Geldgier der Labels am meisten zu leiden haben und das ist nicht auf das Finanzielle bezogen, denn Special Editions bringen anscheinend jede Menge Geld ein. Es geht hier um den künstlerischen Aspekt. Die Produktion eines Albums kostet Zeit (nimmt man es auf die Schnelle auf, entsteht dabei so etwas wie „Der Mann mit der Mundharmonika“ von Michael Hirte, den in ein paar Wochen wahrscheinlich keiner mehr kennen wird – Verdrängung ist halt doch immer das Beste), eine gute Trackliste zu erstellen ist eine Kunst. Es ist einfach eine Unverschämtheit, diese auseinanderzureißen. So bin ich z.B. heilfroh, von Coldplays „Viva La Vida“ die Vinylausgabe zu besitzen, die nicht nur schöner ist, als die Papp- und Jewelcaseversion sondern auch keinen Platz für Bonustracks wie der neuen EP bietet. Dieses Album hält einem einfach perfekt vor Augen, was für einen Unterschied es macht, ob ein Album auf Vinyl oder CD erscheint und zeigt, dass Bonustracks das Gesamtkonzept zerstören. Zudem sieht man hier, dass die zwei Seiten einer Platte auch ihren Sinn haben können, wenn es sich z.B. um ein Konzeptalbum handelt und so die Songs thematisch getrennt werden.coldplay_viva
Eine weitere Unverschämtheit von Plattenfirmen ist der Formatterror. Ein Krieg der Labels, bei dem vor allem der Kunde verliert. So gab es einen Kampf zwischen der DVD-A und der SACD. Der Vorteil der DVD-A war, dass jeder mit einem DVD Player dieses Format auch abspielen können sollte (was natürlich doch nicht klappte). Ihr Nachteil: die Soundqualität ist nicht so berauschend wie der einer SACD. Diese kann sowohl von CD Playern als auch von SACD Geräten abgespielt werden. Theoretisch zumindest. Denn irgendwer kam auf die Idee, reine SACD Player Versionen zu erstellen (z.B. „Bat Out Of Hell“ von Meat Loaf). Aber davon abgesehen klingt selbst der CD Layer einer SACD besser, als der Stereolayer einer DVD-A. Leider versäumte man, der breiten Masse mitzuteilen, dass die SACD meist auch auf CD Playern läuft. Man versäumte es auch, erschwingliche Player herzustellen, die beide Formate abspielen konnten. Die SACD ist nun quasi tot (außer im klassischen Bereich). Trotzdem erscheinen noch regelmäßig einzelne Alben auf diesem Format, auch im Popbereich, wie unlängst das Genesis Box Set. Dieses Set hatte auch noch die DVD-A mit an Board, nur in den USA gab es neben der DVD-A keine SACD sondern eine ordinäre CD. Die Vinylausgabe ist bereits in Planung. Tja, blöd gelaufen. Denn im 5.1 Sound hat eindeutig die SACD gewonnen.
Inzwischen sieht es übrigens so aus, als wäre der Nachfolger der CD die CD, nur in blau, damit man mit den Bluerayplayern brennen kann, da diese nicht ausgelastet genug sind. Eine tolle Idee wäre doch schon gewesen, hätte man die technischen Möglichkeiten der CD irgendwann mal komplett ausgenutzt. Wenige Label taten es und die CDs kosteten um die 50€. Da diese grundsätzlich limitierte Lizenzausgaben waren, kosten sie inzwischen bis zu 1000€. Traurig aber wahr.
Was bringt die Zukunft? Hoffentlich unkomprimiertes Tonmaterial auf Bluray, denn dafür sind diese Scheiben perfekt geeignet. Und einen zweiten Hoffnungsschimmer gibt es auch noch und der löscht sich nicht einmal von selbst – auch wenn er schon vor Jahrzehnten für tot erklärt wurde: Die Schallplatte. Sie lebt und verkauft sich immer besser. Und mit einem Quadverstärker kann man sogar Musik in 4.0 Surroundsound hören. Ja, das gabs auch schon in den 70ern.

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Wer ich bin: Ich schreibe Bücher, forsche zur Massenkultur (Comics!), komponiere, liebe Musik & bin hoffnungslos franko-/italophil.

Woran ich glaube: Wir sollten im Leben danach streben, Narren zu sein. Immer auf der Suche, niemals am Ziel, von Neugier getrieben, mit offenen Augen, Ohren & Geist durch die Welt gehend.

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